Helden, die keine sind.

Wenn wir klein sind, haben wir von nichts eine Ahnung. Und doch von allem. Wir malen das Bild, wie es uns gefällt: blaue Sonne, sieben Finger an einer Hand, Schnee im Sommer. Wir fragen, was wir wissen wollen, schamlos und rotzfrech, werden erfahrener und, das Wichtigste von allem: wir träumen. Ohne Grenzen.
Und dann, auf einmal, werden wir älter. Man zwängt uns in Korsetts und Mieder, erklärt uns, wie die Welt funktioniert. Was man macht. Und was man nicht macht. Was geht. Und was nicht geht. Da kriegen die ungezügelten Träumereien von damals dann meist gehörig einen vor den Latz geknallt. Die Flügelchen gestutzt, überlebt meist nicht viel vom Sternenstaub aus der Kuschelhöhle.
Aber manchmal, durch all die tosenden Tränen, den fauchenden, inneren Widerstand, der uns zur Ordnung peitscht, die Prügel und die Zähneknirscherei hindurch, schaffen wir es doch, einen Traum mitzunehmen ins Erwachsenenland. Er hat vielleicht ein paar Dellen, sieht zerknautscht aus, vielleicht fehlt ihm eine Ecke oder eine Farbe – aber er ist am leben. Und je nachdem, wieviel Herz über Kopf in uns steckt, rocken wir das kleine Teil. Wir pimpen es, kämpfen Schlachten, stehen irgendwann am Ziel: wir fangen die Sternschnuppe, die den Traum zur Realität macht. Oder besser, wir SIND die Sternschnuppe, auf der der Traum ins Ziel reitet. Die Goldmarie, der Hoffnungsträger der Träumenden.
Schweres Los, so ein Schatz zu sein. Denn da, wo Gold nicht glänzt, brennt es wie Feuer. Keiner trägt einen Traum so weit, ohne das Gift der Vernunft, der Verzweiflung, der Niederlage in den Venen zu tragen. Die kennen wir alle schon. Und wie gut! Und am Ende des Regenbogens warten statt des Goldtopfes dann die Helden, die keine sind.
Die Schafe im Wolfspelz, die Hunde, die bellen, aber nicht beißen. Die, die dir die Kraft aus dem Traum saugen, weil sie glauben, es sei auch ihrer. Die, die dich da gewöhnlich machen, wo sie dich einst einzigartig nannten. Die, die dich beschützen sollten und dich jetzt auf Messers Schneide über glühende Kohlen in die Wüste schicken.
Und da stehst du, verraten und verkauft, in Händen den zerschlissenen Traum, blutend und grau grämt er sich unter deinem Blick und hält ihm kaum mehr stand. Aber jede Träne, die du weinst, spült die farblose Angst des Versagens aus ihm raus. Jeder deiner Atemzüge lässt ihn weiterleben. Du stehst auf, steckst das Träumerle in die Tasche, wischt dir den Schlamm von den Knien und hältst die Nase wieder in den Wind. Klatschnass geregnet tapst du vorwärts, jeder Schritt in vergiftetes Blut getränkt, dass dir endlich aus den Adern fließt. So düster hattest du dir das nicht vorgestellt. Vorbei an den gefallenen Helden und Königen, hin in eine neue Welt, in der die Sonne scheint. Und nie warst du so geprügelt und gleichzeitig so frei.
Weil jeder Tritt dich nur stärker macht. Und am Ende ist das Einzige, was weh tut, das drüber Hinauswachsen. Denn so oft ist niederknien vor falschen Helden so viel leichter als zu verstehen, dass du zu niemandem höher hinauf kannst, als zu dir selbst. Dass du dein Nonplusultra bist.
Großwerden tut weh. Mehr als hinfallen, Ellenbogen aufschlagen, Sprunggelenk brechen. Und am meisten schmerzt es, bis du verstehst, dass dein Traum nicht gefallen muss. Er braucht nicht gut zu riechen, Rouge aufzulegen oder Doppelmanschette zu tragen. Und er braucht keinen Helden, so sehr er danach schreien mag. Er braucht dich. Pfeif sein Liedchen, halt ihn warm und trag ihn nach Hause. Wo immer das ist: wenn ihr da seid, wird er’s dir sagen.

(So müde von der Stadt, die nie schläft/ willkommen Zuhaus‘.)
Casper – Hinterland

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