die wundersame Heilung

Mit plastischem Schmerz ist das so eine Sache.
Wenn wir uns als Kind das Knie aufgeschlugen, gabs ein bisschen Jod drauf.
Das brannte wie die Hölle, kurz und schmerzvoll anstatt kurz und schmerzlos. 

Ein, zwei dicke Krokodilstränen später ein Pflaster drauf, einen Keks und ein Glas Saft. Und alles war gut. Aber jetzt?
Was tun wir, wenn uns ein Schmerz in die Knie zwingt?

Unsere Schrammen heilen damals wie heute unschuldig vor sich hin, geschützt vor allem Lärm und Gift der Realität, unter den Pflastern, die wir draufkleben.
Und am Ende wissen wir gar nicht recht, was jetzt schlimmer war: die Verletzung ansich, oder das Abziehen des Pflasters, das über der längst vernarbten, geheilten Wunde mittlerweile nur noch nutzlos an ein oder zwei fast unsichtbaren Härchen klebt.
Und die ziepen jetzt. Ordentlich. Und so behütet das verheilte Wir auch luftdicht verpackt vor sich hin geträumt hat – jetzt kommt wieder Luft dran. Und Sonne.

Was also hat sich verändert?

Die Wunden sind tiefer, machmal, in der Erwachsenenwelt.
Und sie sind zwielichtiger. Selten mehr rinnt ein Tropfen Blut über den Ellbogen. Keiner schlägt sich mehr die Lippe auf. Aber krümmen vor Schmerz tun wir uns doch. Der Geister wegen, die man niemals sieht.
Tun die unsichtbaren Wunden am Ende mehr weh, als die dramatisch ausschauenden?
Oder läuft es nach dem Prinzip „haste was, biste was“? Wer lang hat, lässt lang hängen? Glauben wir nur an das, was wir sehen?

Egal, welche am Ende die leidvollere Verletzung ist – wir bemerken im Wesentlichen doch vor allem zwei Momente in der Geschichte: den, in dem die Verletzung passiert –
und den, in dem sie wieder verschwunden ist.
Egal, ob wir sie kommen sehen oder sie unerwartet über uns hereinbricht, der Tatzeitpunkt überflutet uns eiskalt und spült uns an irgendein Ufer. Er versetzt uns in eine Schockstarre, die uns beschützt. Wir atmen. Wir leben. Wir spüren den Fall, sehen das Blut -wir fühlen: nichts.
Dann kommt das Jod – und wir schreien. Weil es uns dran erinnert, dass da nichts mehr ist, was uns zusammenhält. Dass wir verletzt sind.
Verbeult, zerkratzt, gebrochen, kaputt.
Wo wir grade noch Haut und Haar spürten, klafft jetzt die griesgrämige Wunde. Und sie brennt unter dem säubernden Jod. Wir beißen die Zähne zusammen, wie wir es gelernt haben, weil wir wissen, dass es wieder heilt. Und dass es vorher weh tun muss.
Dann kommen Pflaster, Keks und Saft. Und dann geht das Leben weiter, irgendwie.
Hier und da piekt es unter dem Pflaster. Nachts beim Umdrehen im Bett werden wir davon wach, schlagen die Augen auf, verwundert-erschrocken, legen eine Hand an die schmerzende Stelle – und schlafen wieder ein.
Ab und zu stoßen wir uns an einer Tischkante, dann blutet die Wunde ein paar dunkelrote Pünktchen ins Pflaster. Wir fluchen. Weil es so weh tut? Oder weil es uns dran erinnert, dass wir noch immer nicht verheilt sind.
Egal, wie groß Pflaster und Keks waren, zaubern kann keins von beiden.
Die wundersame Heilung braucht ihre Zeit.
Und wer die Kruste zu früh abknibbelt, provoziert den Rückfall. Frisches Blut aus alter Narbe trocknet schlechter und heilt langsamer als der erste Schnitt. Das wissen wir noch von früher. Aber manchmal ist es wie eine Sucht. Wir wissen, es wird bluten. Erneut. Wir wissen, es wird weh tun. Erneut. Und doch können wir unsere Finger nicht im Zaum halten. Wir verbrennen sie uns an alten Narben. Weil wir gar nicht wollen, dass sie heilen? Weil frisches Blut uns zeigt, dass wir noch leben? Weil wir diesen Schmerz schon kennen, den schauderhaft-schönen Erinnerungsschmerz. Weil man immer tun muss, was man nicht lassen kann.

Und so sitzen wir dann auf dem Badezimmerboden, mit dem frisch aufgeschlagenen Knie und fühlen uns, als wären wir eben erst in den Dreck gefallen. Dann wird uns klar, es ist ein Leben her. Unser Leben. Und das Tröstlichste daran ist, dass jede Wunde heilt. Ganz von selbst. Egal, wie viel Salz wir reinheulen. Und wenn es so weit ist, reißen wir das Plaster ab – und sind um eine verheilte Narbe reicher. Und sind es nicht die, die die besten Geschichten erzählen? Vielleicht. Zumindest, bis wir uns entschließen, den nächsten Fall zu riskieren. Denn wie langweilig wäre das Leben ohne Kekse! Und das Wichtigste: auch andere Wege haben schöne Steine!
Also: Hit me, baby – one more time.

Advertisements

2 Comments

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s