Fußball vs. High Heels: the very heart of Berlin?

Vorneweg: Herzlich Willkommen zu sicherem Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit.

Es gibt sie ja, die Frauen, die dieser Tage in hotpants und Trikot durch die Welt rennen und die ihre unfassbar abgegrenzte Individualität noch hipstermaniamäßig aufrüschen, indem sie natürlich NICHT für Deutschland sind. Zu uncool. Lieber für Equador. Oder England. (Wobei ich hörte, dieses Thema habe sich mittlerweile von selbst erledigt.)

Die Welt ist im Bällchenfieber. Und das zurecht. Ich kann ruhigen Gewissens behaupten, ich wäre wohl in einer Vorlesung für angewandte Kernphysik besser aufgehoben als bei einem Fußballspiel. Ich hätte auch mehr Ahnung davon. Und doch heule ich schon bei der Nationalhymne. Den Rest der Zeit versuche ich herauszufinden, ob wir die Roten oder die Weißen sind.

Bei der WM geht es nicht um Fußball. Nicht für uns. Nicht für mich. Es ist diese nackte Euphorie, der Gedanke daran, dass wir doch am Ende alle eins sind, der unpolierte Wunsch und Wille, stolz sein zu dürfen auf sein Land. Endlich wieder stolz sein! Kannste ja zu keiner anderen Zeit, ohne gleich danach verschämt auf den Boden gucken zu müssen wegen „du-weißt-schon-wem“.

All das zelebrieren wir mit einer kindlichen Glückseligkeit, die alles andere in den Schatten stellt. Und genau hier endet die grenzenlose Loyalität zum bunten Bällchen für mich. Denn so sehr ich euphorische Autokorsorunden um die Siegessäule, siegestrunkene Arschgrapschereien von attraktivitätstechnisch eher weit über ihren Zenit geratenen Ü40 Männern und Bierpfützen im Ausschnitt auch schätze – irgendwann is’ auch mal gut. Da wird die Mama böse. Denn König Fußball drängelt sich unverschämt vor wie Omma Kasupke an der Aldikasse – und keener sagt was. Ist halt WM. Fanmeile und so. (Wobei ich wirklich nicht nachvollziehen kann, weshalb man die schiefgekloppte Zahnreihe von Mehmet Scholl auch noch auf Riesen-LED sehen muss.)

Der Fuppes reißt mit einer gänzlich untypischen rotzfrechen Arroganz die Aufmerksamkeit an sich, der ich in Berlin niemals eine Überlebenschance von mehr als 0,3 Sekunden eingeräumt hätte. Überall anders, ja. Aber hier? So eine unangenehm heroische „Anfang Oktober in München“-Attitüde? Im Sinne von:

WAS? Kein Dirndl? RAUS!!!

Sei’s drum. Es ist WM. Take it or leave!

Who needs fashion week? Die kann doch nach Wedding. Und der Christopher Street Day, ja gut – dann ist das Finale eben dieses Jahr halt nicht am Brandenburger Tor. Der verlorene Sohn kehrt heim, endlich, nach vier Jahren langen Wartens. Da müssen die, die jedes Jahr brav antreten, halt mal im Gästezimmer schlafen. Erschreckend durchschaubar und angepasst.

Vielleicht ist es das Einwandererherz, das aus mir spricht – aber es gibt kaum eine schönere Zeit im Sommer für mich, als zur fashion week. Sie macht mich stolz, wie sie so dasteht, ihr Herz nahe an unserem – und allein deshalb gehört das verdammte Zelt ans Tor mit der Kutsche drauf! Punkt. Aus. Vielleicht ist sie nicht so populär wie die WM, sicher ist sie nicht so kommerziell. Aber seit wann sind denn das bitteschön Aspekte, die hier die Fäden ziehen? Der Berliner ist ja für vieles berüchtigt, aber Entscheidungen treffen aufgrund von rationalen Fakten gehört wohl kaum dazu. Fashion Week im Wedding? Da weißte als Mädchen auch nicht, ob du zuerst lachen oder kotzen möchtest.

Meine Stadt ist deshalb ein Nabel der Welt, weil es die eine Wahrheit hier nicht gibt. Kein richtig oder falsch. Hier tust du, was du willst – wo du willst. Weil dein Herz danach schreit. Du machst es zu deinem Ding. Deine Liebe, dein Berlin. Und das Beste daran ist, dass deine Hauptstadt niemals Ausnahmen macht. Es ist eine Art stillschweigende Vereinbarung, ein unsichtbares Versprechen, einmal quer über die Seele tätowiert. Und daran halten wir fest. Immer. Berlin macht keine Ausnahmen. Du willst frei sein? Sei es. Tu was du willst, wo du es willst.

Außer zur WM. Da laufen die Models dann nicht im Schatten des Fernsehturms, sondern des Gesundbrunnen Centers. Und die Hauptbühne des CSD steht vor der CDU statt am Pariser Platz. Denn es gibt so ein paar Dinge, an denen kommste auch in der freisten Stadt der Welt nicht vorbei: Fußball ist eins davon.

Haben wir unsere Seele verkauft? Vielleicht.
Sie entschuldigen mich – ich muss mein Trikot bügeln gehen.

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2 Comments

  1. „Meine Stadt ist deshalb ein Nabel der Welt, weil es die eine Wahrheit hier nicht gibt. Kein richtig oder falsch. Hier tust du, was du willst – wo du willst. Weil dein Herz danach schreit. Du machst es zu deinem Ding. Deine Liebe, dein Berlin.“
    Wow. Das ist so wahr!
    Ich hab mal ein halbes Jahr in Berlin gewohnt,… und gerade sehne ich mich wieder danach, wenn ich Deine Zeilen lese.
    Liebe Grüße
    Tony

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