Eintagssommer.

Riecht ihr das? Der Sommer dreht seine Abschiedsrunde.

Die Geliebte liegt in bittersüßer Melancholie in diesen Tagen –
Die Luft gezuckert mit lauwarmem Herbstwind, der mal vorsichtig, mal eindringlich durch die Häuserschluchten zieht. Die Sonnenstrahlen küssen die Nasenspitzen noch immer, aber es liegt zarte Schwermut darin. Wie ein Rückzug auf Raten schleicht sich der goldene Sommer davon, um wie unbemerkt hinter den Toren zu verschwinden. Wir ignorieren es noch, wollen es nicht wahrhaben. Wissen tut man’s schnell, das Aussprechen ist das Problem.
Die Großstadt seufzt gemächlich, als immer früher die Sonne untergeht.
Das geliebte Berlin macht sich bereit.
Es riecht nach Abschied. Schon bald wird nichts mehr geblieben sein vom Strahlegrün, das unsere schockgefrostete Stadt jedes Jahr aufs Neue in letzter Sekunde rettet, der Wärme, die sie wachküsst wie Schneewittchen und uns auf Bordsteinen tanzen und Sternschnuppen gucken und am Ende der endlosen Nacht barfuß nach Haus gehen lässt, eingehüllt in flirrende Luft, getragen von bebender Magie. Es IST Magie.
Wenn Sommer ist, ist hier alles egal.
Alles ist ein bisschen besser, selbst das Schlimmste leichter zu ertragen.
Und aus gut wird perfekt.
Vielleicht sträubt sich Berlin deshalb so sehr gegen Eishagel, Rollsplitt und dunkle Tage, weil griesgrämiges Grau ihm einfach nicht steht.
Berlin ist alle Farben.
Und bald ist es wieder grau-weiß-ihbah.
Manch einem wird deshalb das Herz schwer in diesen allerletzten sonnig warmen Tagen, die unignorierbar das Salz der Vergänglichkeit in die Wunde des Träumers streuen, der von einer Sommerhauptstadt träumt, die niemals endet. Schrill und bunt und in Musik und Lampignons getaucht. 24/7, round-about-the-clock. Full time job.

Aber mal unter uns: wie langweilig wäre das?
Berlinliebe, das heißt, in guten wie in schlechten Zeiten, Sommerzeit, Winterzeit. Wie in einer guten Ehe: Halt auch mal Herbstlaub und Streusalz wegfegen, Eis kratzen und Schnee schaufeln. Und auch Sex machen, wenn Waschtag ist – und außer der Snoopy Unterhose nix mehr sauber war.
Die Geliebte will vergöttert werden, für die Scheiße wie für die Königlichkeiten. Zugegeben: es gibt keine Stadt in diesem Land, in der Winter weniger Spaß macht.
Aber wenn Berlin dann so dasteht, schäbig grinsend, in Bademantel und Lockenwicklern, an einem Tag, der an Hässlichkeit und Kälte, Dunkelheit und Dreck nicht zu überbieten ist und mir trotzdem einmal mehr das Herz schwer wird vor Liebe, dann weiß ich, wo ich Zuhause bin.
Da, wo immer Sommer ist.
Barfuß über den Bordstein tanzen geht nämlich auch im Schnee.
Aber obacht: Rollsplit!

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