„Do it like a Pippi.“ Von Rohrspatzen und Räubertöchtern.

Im Pöbeln bin ich ganz gut. Das haben einige von euch vielleicht schon mitbekommen.
Schimpfen wie ein Rohrspatz hab ich drauf. Und es macht Spaß, manchmal. Es befreit. Wer pöbelt, der spürt, dass er lebt. Es macht Luft. Pöbeln ist ritzen für die Seele. Der Schmerz der Ungerechtigkeit sitzt so tief.

Viel Schrecklichstes ist unserer strahlend schönen, neuen Welt passiert in den letzten Wochen. Beachtliche Lackschäden, Kratzer, knapp vorbei am Totalschaden an der Karosserie der Menschenrechte. Erschreckend viel Hass, ausgehend von einem Volk, das es besser wissen müsste.

Menschen, die hassen. Menschen, die allen Ernstes an den Haaren herbeigezogene Pseudo-Argumente gegen Flüchtlingshilfe raushauen, um ihr rassistisches Gedankengut zu untermauern, wie:
„Nach dem 2. Weltkrieg sind die Deutschen auch nicht geflüchtet, sondern haben sich alles selber wieder aufgebaut.“ Äh. Mal abgesehen davon, dass allein der Vergleich vor Blödheit strotzt: Meine Großeltern kommen aus Schlesien. Und eure? Pommern, Ostpreußen? Und die sind damals auf Trecks unzählige Kilometer gelaufen, mit einem kleinen Bündel Hab und Gut, um dem Tod zu entgehen. „Ja, aber das waren ja Deutsche!“ …Puh. Merkt ihr selber, ne. Obwohl, wahrscheinlich nicht.

Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen. Es macht uns wütend, all das. So viel Ungerechtigkeit, so viel Hass, so viel Unmenschlichkeit. Da kann man schon mal zum Rohrspatz werden! Zurecht. Speak your mind, even if your voice shakes. Räubertochterstyle. Denn alles Gute nützt nichts, solange es gegen den harten Wind des Bösen die Schnauze hält.

In Ungarn werden Flüchtlingsfamilien mit Schlagstöcken aus Zügen geprügelt. Kinder ertrinken vor Urlaubsstränden, an denen wir Europäer uns die Bierbäuche und gemachten Möpse bräunen. Und bei uns reißen Menschen, die keine drei Wörter geradeaus schreiben können, den Namen meiner Stadt für ihre abartige Rassismuswortkotze an sich und nennen das „sich wehren“. Es macht mich wütend. Ich kriege Bauchweh, so wütend macht es mich.

Und doch: bei all dem Leid, der Ungerechtigkeit, der Dummheit, der scheinbaren Unfähigkeit der schönen, neuen Welt, einen Funken Menschlichkeit zu zelebrieren – es ist nicht alles Scheiße. Es bewegt sich was. Rock’n’Roll.

Sie fahren jetzt, die Züge aus Ungarn. Und zwar in eine Richtung, in der hilfesuchende Menschen freundlich begrüßt werden. Von Leuten, die vor Kurzem noch für „keine Moschee am Stachus!“ demonstriert haben. Sie haben Süßigkeiten dabei. Als Willkommensgruß. Für die Kinder.

Bürger, die vor Wochen lieber noch die Klappe hielten „zu dieser Sache mit den Flüchtlingen“, teilen jetzt glasklar formulierte Statements mit hashtags wie #refugeeswelcome oder #mundaufmachen. Weil es die Promis vormachen? Vielleicht. Mir ist ehrlich gesagt schnurz, weshalb sie es tun. WER sie überzeugt. Der jecke Yoko, der coole Klaas, der toughe Till oder der kecke Kalkhofe. Mitläufer, gerne! Solange wir in die richtige Richtung laufen. Aller Rückschläge zum Trotz.

Der widerwärtige Rassist, der vor zwei Tagen noch das Ertrinken von Flüchtlingen auf seiner Facebookseite „Berlin wehrt sich!“ feierte, hat „leider“ jetzt keinen Computer mehr – dank Besuchs vom Staatsschutz. Weil Tausende von uns den hasserfüllten, vor Dummheit strotzenden Beitrag gemeldet haben. Weil wir uns weigerten, eine Welt hinzunehmen, in der sowas existiert. Facebook fand, man müsse nicht einschreiten – „Wir haben die von dir wegen Hassbotschaften oder -symbole gemeldete Seite geprüft und festgestellt, dass sie nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandarts verstößt.“
Aha, lieber noch ein paar Tittenbildchen sperren. Der Zuckerberg macht wohl ne Runde geistiges lowcarb. Zeit für ’nen cheatday, wenne mich frachst. Die Polizei war zum Glück anderer, unserer Meinung.

Egal, wie langsam wir laufen, egal, wie klein die Schritte sind: Wir sind auf dem richtigen Weg. Wir lassens uns nicht mehr gefallen. Die schöne, neue Welt dreht sich. Und vielleicht wird im Kleinen dann doch alles gut. Ab und zu. Hier. Und da.

Ja, da ist sie wieder, meine blauäugige Ader. Ich glaube ans Gute. Denn was für eine Welt wäre es, in der ich das nichr mehr könnte? All dem Griesgram, dem Bösen den Sieg zu schenken, ohne überhaupt gekämpft zu haben – das ist für mich keine Option. Aber das Gute fliegt einem nicht in den Schoß. Dafür muss man aufstehen, es sich holen. Und nicht tatenlos zusehen, wenn was falschläuft. Das haben wir kapiert. Wir wehren uns, unsere Welt so dastehen zu lassen – wir ändern, was uns ankotzt. Kleine Tropfen auf glühend heiße Steine, ja. Natürlich ist es nicht genug.
Aber besser als Fresse halten allemal. Und plötzlich lassen wir die Angst los, eh nichts erreichen zu können. Weil wir merken, wir sind nicht allein. Die mögen viele sein – wir sind mehr.

Und sonst?

Immer noch leidende Menschen. Es gibt sie noch, die Flüchtlingsboote. Den Stacheldraht. Die Schlepperbanden.
Scheiße, ja! Da kommt dem von Horrorszenarien und Splitterbomben konditionierten Pessimistenhirn schon mal der duchaus berechtigte Gedanke: Wofür die ganze Kacke? Nützt doch alles nichts. Man fühlt sich machtlos. Denn es macht uns so ekelhaft deutlich: Wir können die Welt nicht retten. Und die Welt als großes Ganzes, das ist nicht unser Bier. Dafür ist unser Kühlschrank zu klein. Um die Boote, den Stacheldraht, Verbote und Genehmigungen muss die Politik sich kümmern. Aber im Kleinen helfen können wir. Jeder von uns. Indem wir das Maul aufmachen. Und indem wir was TUN.
Und nie aufhören, das Gute zu schaffen. Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe.
Do it like a Pippi: Lasst uns unsere Welt machen, wie sie uns gefällt: Mit dem, was wir zur Verfügung haben. Für die, die uns brauchen. Die gar nichts mehr haben.
Ein kleinbisschen besser als gestern, die schöne neue Welt. Jeden Tag.

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16 Comments

  1. Danke! Ich muss wirklich Jedem danken, der sich für die Flüchtlinge einsetzt. ❤️ Es ist entsetzlich was rund um die Tragödie gesagt, geschrieben und gepostet wird.

  2. Das Bedenkliche ist, dass sich (meiner Beobachtung und starken Vermutung nach) kollektives Bewusstsein steuern lässt. Insbesondere bei den endlos Vielen, die Nachrichten für unmanipulierte Wahrheit halten. Es ist in diesen Tagen voller Scham, ein Deutscher zu sein.

  3. Alte Brötchen bei der Bäckerin. Vergleiche ablehnen aber selber alles vergleichen und pöbeln als angeblichen Ausdruck demokratischen Miteinander definieren. Das ist schon bei Herrn Schweiger kontraproduktiv und wird auch hier nicht besser. Pöbeln trifft nie den Kern sondern unterdrückt eher jegliches Handeln, das weiter als bis zur nächsten emotionalen Empörung reicht. Natürlich ist die Hilfswelle toll derzeit aber es fehlt eine Perspektive die weiter denkt. Dazu braucht es in einer Demokratie aber auch kritische Sichtweisen jenseits der „in eine Richtung Maschierer“.

  4. Menschsein heisst nicht nur die biologischen Voraussetzungen zu erfüllen, sondern auch menschliche zu sein. Dazu gehört eben auch, seinen verstand einzusetzen und den Mund aufzumachen.
    Habe darüber auch etwas geschrieben. Warum der rassist ein muttersöhnchen ist, dass könnte dich auch interessieren.

  5. Pöbeln ist ein Kulturgut! Wer kann es dit also übel nehmen dass du pöbelst?
    Und dann auch noch so interessant und schlagfertig 😉
    Lass es dir nie verbieten und mach immer weiter

  6. ich glaube das wort poebeln ist nicht ideal gewaehlt, da zu negativ belastet. was die baeckerin macht ist doch mehr laut denken, mit der betonung auf denken. und das denken ist zwar allen menschen erlaubt, bleibt aber, wie man in den vielen kommentaren erfahren/nachlesen kann, vielen erspart.
    dass sich so viele ‚kommentatoren‘ erdreisten, gedanken zu kritisieren die ein engagierter mensch zu dem problemkreis kriegsfluechtlinge und ‚wie zu helfen‘ macht, zeigt doch nur wie viele bauchgesteuert sind. es wuerde diesen sicherlich helfen, wenn sie sich einmal ernsthaft fragen wuerden wer die jetzigen kriege angefangen und die fluechtlingssituation ausgeloest hat. immerhin, diese bauchfuessler lesen diesen ausgezeichneten blog, es ist also noch hoffnung!

  7. Üblicherweise bestehen Pöbeleien aus unreflektierten Worten, die häufig genug in sich nicht logisch sind.
    Die hier vorliegende Pöbelei aber spricht für Intelligenz gepaart mit Anstand und Herz! Da darf ruhig weiter“gepöbelt“ werden. 🙂

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