„Kellerkinder wählen dümmer.“ Oder: Es fährt ein Zug nach Disneyland…

Mir ist abscheulich kalt in diesen Tagen. Ich schäme mich. Das, woran ich geglaubt habe, steht auf wackeligen Füßen. Die Freiheit wankt, das Vertrauen in den Verstand der Menschheit liegt zerissen auf dem Boden. Ich habe Angst. Davor, wer wir sind. Wer wir waren. Wer wir im Begriff sind, zu werden. Und immer wieder von vorn. 

 Die braune Suppe kocht. Laut einer Umfrage nach dem Superwahlsonntag nennen mehr als die Hälfte der „alternativen“ Wähler als Grund für ihre Stimme nach rechts außen „die Flüchtlinge“. Halleluja. Natürlich. „Die scheiß Flüchtlinge immer“. Echt jetzt? Nichts gelernt? Das Karussell dreht sich und man kann nicht runter. Kotzübel – und trotzdem noch ne Runde. Geht auf’s Haus. Spucktüte findeste unter’m Sitz.

 Himmel Arsch und Zwirn. 

 Sicher ist es schwer. Oder auch nicht. Für mich – die der Meinung ist, dass Menschen Schutz verdienen vor Tod und Verderben, von einem Land wie unserem. Einem Land, in dem niemand hungern muss. In dem für alle gesorgt ist. In dem in diesen Tagen syrische Flüchtlingskinder in Schulen davon erzählen, wie ihren Geschwistern durch Raketenangriffe Arme und Beine abgerissen wurden, während sie daneben standen.

Klar ist: Nicht jeder, der beunruhigt ist, ist ein Nazi. Nicht jeder, der diesen Schmarrn gewählt hat, ein Menschenhasser. Zweifeln ist okay. Sorgen machen normal. Auch in meiner Familie zeigt man sich besorgt – „Da müssen wir jetzt ja jede Nacht die Garage zumachen, wenn die Flüchtlinge in die Turnhalle ziehen…“ Es ist nicht alles schwarz und weiß. Aber braun sollte es halt bitteschön auch nicht werden. Informieren statt pöbeln ist anscheinend nicht en vogue.

Das Land ist maulig. Geschüttelt vom Gefühl, etwas „weggenommen“ zu bekommen, wo man vielleicht selbst nur wenig hat. Obwohl kein Flüchtling dieser Welt dem HartzIVler Geld klaut – wenn’s zu wenig ist, ist er der Feind. Getreu dem Motto: „Meine Meinung steht fest – verwirr mich nicht mit Tatsachen!“ Weil’s ja auch so schön einfach ist. Da will man nicht mehr verstehen. Da will man hassen. Und dann geht man wählen, denkt sich, denen zeig ich’s – schmeißt dem braunen Monster den Hass in den Rachen und alles wunderst dich, dass es Feuer spuckt? Merkste selber, ne.

 Wir brauchen Transparenz. Wir brauchen Leute, die zuhören. Die erklären, was passiert. Wohin wir wollen. Was der Islam ist. Und was nicht. Wer Schutz braucht und wer nicht. Dass zwei plus drei fünf ergibt – und nicht minus sieben. Solange, bis es jeder Einzelne verstanden hat. 

Das Letzte allerdings – und auch das Letzte, was wir brauchen – ist eine Alternative, die keine ist. Für niemanden, der bis zwei zählen und klar denken kann. „Mut zur Wahrheit“? Schnauze. Ganz egal, was eure Sorgen, Nöte und Probleme sein mögen – diese „Partei“ ist kein bisschen daran interessiert, sie zu lösen. Sie ist weder mutig, noch wahr. Sie will euch Angst davor machen – und dann mit wild gewordenen, steinzeitlichen Forderungen um sich werfen. Euch damit aufgeilen wie in einem drittklassigen Schmuddelfilmchen. Hatten wir doch alles schon! Öl ins Feuer und so. Ein brennendes Streichholz an einer Tankstelle. Keine Inhalte, nur inflationäre Panikmache und aufgestacheltes Dummgeschwätz, garniert mit rotzfrech herablassender Attitüde für unser Leben, unsere Freiheit, unser Zuhause. Da kommen dann so tolle Ideen bei rum wie „Homosexuelle zählen lassen“. „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. „Grundrecht auf Asyl abschaffen“. „Keine Finanzierung Alleinerziehender“. 

Euer Ernst? Samma, hackt’s. Ist das das Land, in dem wir leben wollen?

Glaubt ihr wirklich, die hätten eine Lösung für alles, was uns drückt? Uns nachts nicht schlafen lässt? Gegen alles, was uns das Leben schwer macht? Einen Zaubertrank? Diese Menschen wollen euren Hass. Auf nichts anderem baut das System auf. Außer auf ein paar Tuben Haargel und schmierigen, selbstgefälligen Fressen. Die sind nicht Miraculix aus dem Dorf der Gallier. Die belächeln uns, die belächeln den Fortschritt, das, was aus uns geworden ist. Kackendreißt. Alles, worauf wir stolz sind. Was wir gelernt haben. Freiheit. Offenheit. Fremdenfreundlichkeit. Gleichstellung von Mann und Frau. Alles dahin. Alle Flüchtlinge mit Fackeln aus der Stadt jagen! Und die Menge jubelt. So dermaßen 1933. 

 Wer sind diese Menschen, die sich davon belabern lassen wie kleine Schulhofmädchen vom zwielichtigen Mann mit Bonbons in den Taschen, der ihnen im Dunkeln auflauert und „mal nen echten Hasen“ zeigen will? 

 Ausgerechnet diese vorsintflutlich erdnussbeschwanzten Schmierlappen schaffen es, die jahrzehntelangen Wahlverweigerer aus dem Keller zu locken? Ein Haufen Freiheit und Fortschritt hassender Idioten, die brüllen: „Nu is’ grad kacke, lass ma’ wieder so machen wie damals. Besser.“

Da lukt der beleidigte, von Leben und Regierung geprügelte Deutsche doch mal neugierig durch die Tür und wird euphorisch:

„Es ist ja alles so ungerecht, alles so gemein, aber DIE, die helfen uns. DIE verstehen uns. Mit denen wird alles besser. Alles gut.“ Am Arsch die Räuber. Wenn all diese Menschen wirklich nur auf sowas wie die „Alternative“ gewartet haben – dann ist’s schlimmer als bislang befürchtet. 

Jahrelang verbarrikadieren, stillschweigend vor sich hin murren und dann auf inhaltlose Versprechen reinfallen, ist für euch die Rettung? Herrgott! Wärt ihr mal im Keller geblieben.

„Das ist nicht mein Land.“ Sagt die Kanzlerin. Das ist nicht mein Zuhause. Sage ich. Ich will das so alles nicht.

Ich will ein Deutschland, mit dem ich mich identifizieren kann. Auf das ich stolz sein darf, weil es das tut, was richtig ist – nicht das, was am Leichtesten scheint. Besonnen. Hilfsbereit. Mit Mut zu neuen Entscheidungen. Neugier. Mit dem Recht auf Fehler. Dem Willen nach Verbesserung. Ich will ein Land, dass sich vor dem ins Bett gehen noch im Spiegel anschauen kann, ohne spontanen Würgereiz dritten Grades. 

 Sind wir noch zu retten?

 Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich so eine widerlich kribbelige Unsicherheit in der Magengegend beim Gedanken daran, was mit uns passiert. Wie unsere Zukunft aussehen könnte, wenn wir uns nicht am Riemen reißen. Die Weichen neu stellen. Ziemlich genauso wie unsere Vergangenheit. Mit Menschen erster und zweiter Klasse, mit Propaganda und Aufmärschen. Beschämend. Sind denn alle wahnsinnig geworden?

Alles nich‘ so wild? Leider doch.

Wir sprechen hier nicht von ein paar Vollidioten mit Bannern und Schildern. Zweit- und drittstärkste Kraft. Das ist die fucking Realität. Beschwichtigen is’ nich’ mehr. 

Das hier ist anders. Das hier ist neu. Und doch so fürchterlich alt, dass es beinah peinlich ist! Wäre es nicht so gruselig, müssten wir drüber lachen. Laut. Dreckig. Bis uns der Bauch weh tut. 

Es gibt keine Zaubertränke. Ja, wir stehen vor einem Haufen Probleme. Zweifellos. Aber woanders is’ auch scheiße. Will sagen: die Lösung kann nicht sein, einem Mob blind schreiender Hater hinterher zu rennen, weil „alles andere“ ja nicht funktioniert. 

Lasst euch nichts erzählen. Auf die Äuglein, alle. Wer Probleme lösen will, guckt nach vorne – nicht nach rechts. Hass und blinde Wut sind schlechte Ratgeber. Es muss sich was ändern, ja. Aber die „Alternative“, das sind nicht wir. Das bin nicht ich. Das seid nicht ihr. Das ist nicht mein Zuhause. Daran glaube ich. Und ich glaube daran, dass Wut wertvoll ist. Wut ist wichtig. Wut kann viel bewirken. Aber nicht so. Nicht fauchend und ohne hinzusehen. Nicht ohne nachzudenken. Lasst uns nicht vergessen, wer wir sind. Und wer wir sein mögen. Wie man sich an uns erinnern soll. Ein Zug aus der Hölle hat noch niemanden nach Disneyland gebracht. 

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9 Comments

  1. Der Beitrag fasst meine Wut, meine Abscheu und meine Fassungslosigkeit, die bei mir seit Sonntag Abend vorherrschen, besser in Worte als ich das je gekonnt hätte. Vielen Dank dafür!

  2. Hier sind 10% des Haushaltes für Flüchtlinge eingeplant. Parteien die Einkommenssteuern erhöhen wolen sind nicht mehrheitsfähig.
    Also wird an den Ärmsten gespart. Die Flüchtlinge senden ihr Geld nach Hause uns speisen an der afel. Sie essen den Ärmsten das Essen vor der Nase weg und das ist symphtomatisch.

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