Brexit breaks it. Oder: Nie waren wir mehr little britain als heute.

Vorneweg: all das erschreckt mich. Zutiefst. Ein Europa ohne Großbritanien ist für mich nicht vorstellbar. Und mal wieder habe ich nicht Politikwissenschaft oder Wirtschaftsökonomie studiert und reiße trotzdem meine Fresse auf. Denn: „Die dummen Briten. Vollidioten. Dafuq.“

Der allseits beliebte erhobene Zeigefinger. Ist das nicht ein bisschen zu einfach? Und lenkt so schön von den eigenen Schandtaten ab. Zugegeben, wer (wie die Mehrheit der User) erst zwei Stunden NACH Schließung der Wahllokale googelt, was der Ausstieg aus der EU für Großbritanien bedeutet, ist eher nicht „the sharpest thing in the box“. Aber wer Wind säht, wundert sich dann über Sturm? Volksabstimmen sind leider kind of dangerous. Auch wenn wir uns alle wünschten, es wäre nicht so. Denn was klingt romantischer, freier, wilder als „the choice is yours“? Da rennt das Demokratenherz bei 38 Grad jauchzend vor Glück nackig durch den Rasensprenger. Leider ist die Realität weit weniger Pommes und Disko. Da wird nicht nach Tragweite geschaut. Da denkt man scheußlicherweise sowas wie: „Geil, Grenzen dicht, Ausländer raus! Besser. Dit machen wa.“ Bis einer heult.

Raus die Maus. Will in Great Britain knapp mehr als die Hälfte. Haarscharf, aber gilt. Und die restliche Menschheit zaubert natürlich im Sekundentakt eine handvoll kopfschüttelnder Expertenkommentare aus dem Hut. „WIE KÖNNEN DIE NUR!“ 

Bisschen zu arrogant unterwegs eventuell? Es geht mir hier nicht um den Austritt ansich. Den sehe ich als untragbaren Rückschritt für uns alle. Es geht um die Art und Weise, wie wir mit dem Finger drauf zeigen. Wir halten das alles schön ne Armlänge von uns weg. Als ginge uns das zwar an, beträfe uns aber nicht. Guckt ma umme Ecke. Nationaler denken, egoistischer sein, den Widerstand wagen, egal wofür, und all die anderen Gründe „pro Brexit“ – ist das wirklich ein rein britisches Phänomen? Brüllen nicht auch vor unserer eigenen Tür Menschen ihre von Unwissenheit und blinder Wut gespickten Parolen in die Menge, fühlen sich ungerecht behandelt und im Recht dazu, „endlich aufzustehen“? AfD zweitstärkste Kraft in Sachsen-Anhalt und so. Eigene Nase. In meinem Land verabreden sich Leute, um Flüchtlingskinder zu beschimpfen und zu jagen. In Amerika will ein Mann mit orangenen Haaren und Meerschweinchentoupet eine Mauer  zu Mexiko bauen. Und das Internet abschaffen. Um das Land wieder „groß“ zu machen. Überall ICH ICH ICH. Und wir denken, Brexit habe nix mit uns zu tun? Okurrr. Die Welt dreht sich. Und leider in eine Richtung, die latentes Bauchweh macht.

Vor gefühlt 100 Jahren lief die Loveparade unter dem Motto „one world, one future“ durch meine Stadt. Damals war es weder meine, noch hab ich kapiert, was das bedeutet. Heute weiß ich, wir sind davon so weit entfernt wie verdammt lange nicht mehr. Vielleicht so weit wie noch nie. 
Für mich war Europa immer vor allem eins: ein Gefühl von Sicherheit und Zusammengehörigkeit. Nichts Selbstverständliches. Hart erkämpft mit Blut, Schweiß und Tränen. Und genau deshalb so wertvoll. In guten wie in schlechten Zeiten. Das Ergebnis dessen soll jetzt also sein, dass jeder wieder sein eigenes Süppchen kocht und ’nen Zaun drumrum zieht? Ja, Britain. Who the fuck is Britain. Es geht um mehr. Auch in den Niederlanden, Polen, Dänemark, Ungarn, wenns scheiße läuft bei den nächsten Wahlen vielleicht sogar in Frankreich, rappelt’s im Karton. „Was die können, können wir schon lange!“ Und ich muss dann vielleicht bald Russisch lernen. 

Soweit das worst case Szenario. Und was gibt’s Gutes? Schottland. Und Irland. Eine Insel, zur Hälfte in Europa? Eine Schande. Oder ein Neuanfang? Vielleicht. Freiheit, die man niemals wollte? Could be. Endlich eins. Manchmal muss man sich genau da bewegen, wo man am liebsten stehen geblieben wäre – weil das Gegenüber sich in eine Richtung bewegt, die untragbar wird. Ob man will oder nicht. 

Vor 4 Wochen las ich in Dublin ein Graffiti an einer Zeitungsbude auf der O’Connell Street: „We’d love an All Ireland. All Ireland would hate that.“ Well. Perhaps, maybe, of course. But not today. Today gibt’s nur Fragezeichen. Und Börsenstress. Fragezeichengesicher. Und ein derbe angekratztes Pfund. Aber zu denken, die Wurzeln der Brexit Entscheidung seien eigens eine Sache der „verblödeten Engländer, die nicht geradeaus denken können“, ist vielleicht doch ein bisschen SEHR arrogant. Und vor allem zu leicht. Der Drang nach Veränderung, nach „back to the fucking roots“, nach Abgrenzung in fragwürdige Richtung ist da. Da sind Menschen, die wollen Zäune ziehen statt Brücken bauen. Europa oder nicht: we’re all in this together. Nie waren wir alle mehr little britain als heute. 

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7 Comments

  1. Danke!
    Du hast auch meine Sorgen hier genau zum Ausdruck gebracht!
    Da ich über 17 Jahre in England gewohnt habe, trifft mich der Brexit heute hart. (habe mich dazu auch schon auf meinem Blog geäußert)
    Wenn man dann noch liest, dass die Briten sich erst nach der Abstimmung darüber informiert haben, was die EU denn nun eigentlich ist oder was der Brexit jetzt eigentlich für sie bedeutet, dann wechselt auch schon mal Unverständnis und Fassungslosigkeit zu Wut…
    Mein Sohn, der in England die Universität besucht, hat mir gestern auf die Frage „Warum haben die sich erst informiert, als es schon zu spät war?“ folgende Antwort gegeben:

    „Maybe they all just woke up and realised that a slogan on a big red bus is not an adequate source of information.“

    1. Liebe Beate, vielen Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich sehr über dein feedback! 🙂 Dein Sohn ist schlau… Ich liebe England und vor allem Irland ist für mich wie eine Heimat, mich erschüttert all das sehr. Da haben die Alten über eine Zukunft entschieden, die die Jungen auslöffeln werden.

    2. Es ist eben diese Volksbeschimpfung die Opposition hervorruft. Alles ist besser als diese EU-Propaganda. Diese EU der Vertragsbrüche und der undemokratischen Entscheidungen.
      Schon diese Angstmacherei der EU-Machthaber die aus dieser einen Selbstbedienungsladen gemacht haben macht mich wütend. Weg mit dieser EU.

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