Es ist Samstagnacht. Oder Sonntagfrüh. Je nachdem, von welcher Seite man das betrachten mag. Man steht, leicht angetüddelt bis schwer erheitert, mit der besten Freundin vor der eigenen Haustür und fummelt am Schlüssel. Über irgendwas lacht man unglaublich doll. Und laut. Und lange. Mit Hand auf dem Bauch. Und dann, als man wieder zu Atem kommt, fällt der Satz der Sätze:

„Ick hab sowat von Bock auf Pommes Majo Currywurst…“

Das Taxi ist längst weg.  Von der Mission „bis Zoo laufen“ ist angesichts der High Heel Problematik in Verbindung mit Kopfsteinpflaster und 3-7 Champagner Cocktails eher abzuraten.

Und dann passiert, was uns zivilisierten Menschen sorgfältig preußisch-eisern anerzogen wurde: der rationale, umgangssprachlich fälschlicherweise auch „vernünftig“ genannte Teil des Gehirns meldet sich.

„Ach komm, egal – ab ins Bett.“

Was ist los mit uns? Wo bleibt der brennende Funke der Verrücktheit, die Prise Unvernunft, die aus einem faden, geschmacklosen Alltagstrott das große Leben macht?

Das Verrücktsein ist uns abtrainiert worden. Systematisch!

Aber die Abende, an die man sich erinnert – die Geschichten, die man noch Jahre später beim Weihnachtsessen erzählt, das sind nicht die, die mit „Ach komm, egal – ab ins Bett“ enden.

Was hält uns? Sind wir so blind, zu glauben, uns bliebe eine unbegrenzte Zeit an lauen Sommernächten mit geliebten Menschen und Currywurst?

Was bilden wir uns ein, unser Strahlen, den Wunsch nach Glück und dem Brechen der kleinen, nur im Kopf des „Erwachsenen“ existierenden Getze, zu ignorieren?

Und noch schlimmer: zu ersetzen durch das Langweiligste, was der „vernünftige“ Kopf uns bietet?

Das Leben schreit nach gesunder Beklopptheit.

Nach Frühstücken in Disneyland und Rundreisen durch Irland – zu acht im Mini Cooper. Nach viel zu lauter Musik, noch lauterem Mitsingen in der U-Bahn, nach buntem Seelengraffiti und Emotionskonfetti. Nach Postkarten, die man „einfach nur so“ an die Lieblingsmenschen verschickt, nach Knutschen im Regen ohne Schirm und Barfussspaziergängen im Schnee und einem minimal zu laut geflüsterten „ich liebe dich“.

Einem Gefühl nachzugeben, für das es keine logische Rechtfertigung gibt, kostet sauviel Mut.
Einfach reinschmeißen, atmen, genießen. Ohne denken. Nur mit fühlen.

Unvernünftig, ne? Aber so unglaublich lebenswert.

Vielleicht riskiert man was. Vielleicht sogar Einiges. Geld, Ärger, ein gebrochenes Herzchen oder einen Schnupfen. Aber ist es all das nicht wert? Verdammte Scheiße, aber ja. Und das kaum merkliche Kopfschütteln der „Vernünftigen“ ist keine Rüge – es ist ein Triumph, den wir mit Stolz tragen. Ein Schulterklopfer der glücklichen Seelen, der Regenbogen und Sternschnuppen und Einhornreiter. Und das Herz schlägt Purzelbäume und singt „lieber verrückt, als einer von euch.“

Was die Currywurst angeht: die war an dem Abend noch fällig.

Das Leben ist nicht immer Pommes und Disko. Aber manchmal halt doch.

Was wäre, wenn wir morgen früh wach würden und alles wäre gut?

So richtig gut. So mit allem pipapo. Ja, ok – es wäre immer noch erst die zweite Woche des Monats und das Konto trotzdem schon im Minus. Der Zahnarzttermin für die Wurzelbehandlung ließe sich auch nicht wegzaubern. Die Maus müsste trotzdem in die KiTa, in der die Kotzerei durch die Luft fliegt und sich munter von einem Bauklotz zum nächsten verteilt.
Und der Chef, jaha! Der verkauft immer noch unsere beste Idee als seine.

Aber zurück zum Aufwachen.

Die Augen aufmachen – und alles ist gut. Ohne die ständige, kopfschmerzartig bohrende Sorge vor dem nächsten Tritt in die Fresse. Vor dem großen unfreiwilligen Kniefall, vor der sabbernd lauernden Katastrophe, die uns mitten im ruhigsten Moment des Glücks hinterlistig von hinten packt, uns eine Plastiktüte über den Kopf zieht und uns kidnappt in die Schlucht der Hoffnungslosen. Und da hängen wir dann wieder, im Dunklen. Planlos. Im strömenden Regen. Kniend, die Hände im Schlamm. Und was jetzt?

Aber Moment mal. Da sind wir ja gar nicht! Uns geht’s doch gerade gut. Was sollen diese gemalten Bilder von Hass, Angst und Zerstörung in unserer Birne? Weshalb macht es uns so an, die Katastrophe zu erwarten?

„Das Schlimmste erwarten, was Beste hoffen.“ Hört und liest man immer wieder. Was ein Bullshit. Was soll es bringen, das Schlimmste zu erwarten, außer, dass sich in unseren Gedanken genau das, was wir eben ums Verrecken NICHT wollen, manifestiert?

Der Supergau.

Also mal schick all das vergessen, lieber an was Schönes denken. Super Idee. Geht nur leider so schwierig. Und weshalb? Vielleicht, weil das Drama und die Kopfkinotragödie uns so unfassbar lebendig machen. Wer leidet, sich in die tiefsten Abgründe seiner Vorstellungskraft schmeißt, der fühlt sich so unverschämt extrem selbst. Auf eine pervers selbstverletzende Art und Weise.

„Guck mal, da bin ich – und ich leide, von Herzen. Meine Angst bringt mich beinahe um. Was soll ich nur tun? Es ist so aussichtslos. Hörst du mich, Leben? AUSSICHTSLOS.“

Und das innere Kind schreit und stampft und wälzt sich im Dreck. Emotionales Ritzen ist das. Das Fallen ist so leicht, das Hochklettern so schwer. Und so lassen wir uns plumpsen. Bis wir irgendwann auf die nassen Steine klatschen. Die kleine vernarbte Seele wird dadurch lebendig, aber kaum glücklich.

Wir neigen dazu, ständig den „Typen mit der Bratpfanne“ hinter’m nächsten Baum zu erwarten, der uns eins über die Rübe zieht, sagt „Du dachtest doch nicht ernsthaft, dass das Glück bei dir bleibt!“ und sich lachend verzieht. Und die Beweise dafür, dass es genauso kommen wird, sammeln wir uns täglich im kleinen Sorgenkörbchen unter’m Arm zusammen.
Stress im Büro, nervige Streiterei Zuhause, schon wieder zugenommen.
Vielleicht sogar ne Nummer krasser:
Gefeuert, geschieden, adipös.
Und da kann das Teufelchen im Kopf dann sagen: „SIEHSTE! Der Bratpfannenmann hatte Recht!“

Und verdammte Kacke, ja. Es ist nicht immer geil. Manchmal ist es sogar ein ziemlicher FUCK. Aber unter’m Strich ist das Alles hier auf dieser kleinen blauen Kugel doch ein Goldschatz!

Was ist mit Sonnenstrahlen, die beim Aufwachen auf der Nase kitzeln? Was ist mit Hundebabies mit Puschelfell, mit Zimtschneckengeruch, mit Münster TATORT gucken und Nagellack von CHANEL, mit Norah Jones, Wasserfällen, mit Kleinkindern, die vor Freude quietschen, wenn man ihnen zulächelt? Mit Abschiedsküssen und Begrüßungsumarmungen, mit Strandkörben und Schnee, mit „Wonderwall“ von OASIS und orangen Gerberas?

Isn’t all that worth it in the end? Ich denke, doch.

Und so geht die Schatzsuche los. Nach dem bunten Bündel dessen, das uns am Ende des ätzendsten Tages wärmt und sagt: „Dennoch!“

Kein Schimmer, wo der Plan zum großen Glück versteckt liegt.

Aber sicher ist: lieber klar kommen, als dreckig gehen.

Vielleicht ist cool bleiben ein guter erster Schritt. Wir haben nicht die Alufolie erfunden. Wir leben in dieser Welt und zaubern uns unser Leben zurecht. Wir machen einiges richtig, viel falsch – aber immer das Beste draus. Mit allen Möglichkeiten, die wir haben, formen wir das große Glück mit unseren 2 Händen. Weil wir in jede Richtung gehen können, in die wir wollen. Wir haben immer die Wahl. Und allein, das zu wissen, macht uns frei.

Morgen früh wach werden und alles ist gut. Weil’s eben einfach so ist. Weil wir’s schon hinkriegen werden. Raus aus der Kuschelzone. Ab in die Feenstaubdusche.

Und wenn irgendwo ein schräger Bratpfannenfetischist hinter’m Baum lauert, wechselste halt unauffällig die Straßenseite.

Das große Leben. Vernunft, Sicherheit, Erfolg, klare Linien vs. Glück, Liebe, Verrücktheit, Spontanität, Risiko? Herzblutender Träumer oder emotionsresistenter Rationalist?

Die große Menge redet uns im Allgemeinen gerne ein, wir müssten vor allem eins: Stark sein. STARK. Was heißt das denn? In der „normalen“ Welt (womit wir schon wieder beim nächsten hochgradig unvollständig definierten, fehlinterpretierten Adjektiv wären!) wohl soviel wie alles, bloß nicht schwach. Denn schwach ist ja böse. Schwache weinen. Schwach = Fehler. Igitt. Lieber bodenständig sein. Rational. Angepasst. Lieber alte Wege gehen, als auf neuen Pfaden stolpern. Aber ist das nicht das genaue Gegenteil von „stark“? Ist Stärke nicht vielmehr, an sich, seine Ziele und seine Träume zu glauben, so bekloppt sie der Welt auch erscheinen mögen? Sind nicht WIR allein diejenigen, die unsere eigenen Grenzen bauen? Liegt die Reichweite des Möglichen nicht an der Vorstellungskraft des Betrachters?

„Folge deinem Herzen“, sagt man. Aber wo ist der Weg? Der, der uns wirklich zu uns selbst führt. Abseits des ganzen großen Spagats zwischen dem, der wir sein wollen – und dem, der wir glauben, sein zu müssen. Für die anderen – oder auch für uns? Im real life, bei facebook, twitter, instagram. „Guck mal, wie cool ich bin.“ Oder so. Irgendwie.

Wie oft treten wir auf der Stelle, machen uns selbst das Leben schwer, fallen wieder und wieder und wieder mit den Knien in den Schotter. Manchmal, weil wir gar nicht anders können – manchmal auch, weil wir gar nicht anders wollen. Woher kommt die Kraft, der Mut, das Durchhaltevermögen, für das zu kämpfen, was wir wirklich wollen? Links und rechts vom Weg stehen sie, die Geister der Vergangenheit, die so oft auch die der Gegenwart sind, und sie zerren an unseren Ärmeln und Händen, sie locken uns mit Versprechen und falschen Bildern an den Rand, manchmal auch abseits des Weges auf den falschen Pfad.

Und ehe man sich umguckt, liegt man wieder da, wo man niemals mehr aufwachen wollte. Im dunklen Sumpf der alten Zeiten, der dummen Angewohnheiten, falschen Freunde, fiesen Erinnerungen oder des Schmerzes an etwas Verlorenes. Die ältesten Narben spucken wieder Blut. Und dachten wir nicht, wir seien endlich erwachsen geworden? So vernünftig, stark und besonnen, all das hinter uns gelassen zu haben? Und wenn wir dann fallen und wieder aufstehen, versprechen wir uns, es nie mehr so weit kommen zu lassen. Dass wir uns beschützen werden, vor all dem, was uns nach unten zieht: Missachtung, Herzschmerz, Kohlenhydrate. Wir wollten doch ganz anders sein! Nicht mehr schwach. So ganz nah bei uns und unseren Träumen, mutig, stark und kämpferisch, tapfer und kühn genug, die Konsequenzen zu tragen, die das alles mit sich bringt. Und jetzt sitzen wir hier, ziehen uns wieder an den eigenen Haaren aus dem Sumpf – unter Tränen, Zweifeln, Schweiß – und sind doch wieder ein kleines Bisschen schlauer. Und vielleicht jetzt bereit für die große Reise. Oder wir brauchen noch einen Kniefall. Oder 2. Wir fahren das Karussell solange, wie unser Charakter zu der Musik des Dramas tanzt, das wir uns bauen. Und ist es nicht auch schön, das Suhlen im Schmerz? Manchmal ja. Bis es dann irgendwann gut ist. Dann ziehen wir los. Und gucken nicht mehr zurück.

Die Heldenreise ist so voll von Steinchen, die im Karibikurlaub unter den Flip Flops drücken, von Angstkrümeln unter dem Frühstückstisch und Zweifelstreuseln auf dem Fantakuchen. Was fürchten wir? Falsch sein. In Entscheidungen, in Art und Weise, in Liebe und Leben. Geleitet von dem, was und wie Andere uns sehen, fühlen, wollen könnten, verlieren wir uns vielleicht in einem Moment noch völlig – und wir fallen, weil uns hier und jetzt gar nichts anderes übrig bleibt. Weil wir nicht wie die anderen sind. Deshalb kann deren Weg niemals unserer sein. Ihre Lösungen, Blickwinkel, Augenblicke gehören nicht uns – und sie malen nicht unser Bild. Deshalb macht uns unser Leben durch die Augen der anderen nichts außer Bauchweh. Und dann kommt irgendwann der Tag, an dem wir kapieren: so geht’a ja nun nicht! So fauchen wir den Drachen und Monstern einmal mehr ins Gesicht zurück, die unsere Träume und Gedanken in Feuer und zerplatzten Seifenblasen spiegeln. Wir schieben die graue Wolke beiseite und wechseln die Straßenseite, um in der Sonne zu gehen. Weil das Leben im Schatten nicht mehr reicht. Den ein oder anderen Koffer lassen wir am Wegesrand zurück, voll mit Habseligkeiten und geliebten Vergangenheiten. Weil wir mehr wollen. Oder ganz etwas anderes. Das, wonach hier und jetzt das Herz schlägt. UNSER Herz. Und wir wissen, dass es jetzt Zeit ist, zu paddeln. Die Anderen mögen es „unvernünftig“ nennen, „blindlings“ oder gar verrückt – whatever. Niemand hat gesagt, dass es leicht ist. Es kostet Mut. Es kostet Kraft. Aber wir laufen los, schnurstracks der Sonne entgegen. Weil wir fühlen, was auf uns wartet. Der Moment, in dem wir ankommen. Bei uns selbst. Zuhause. Wir haben alles, was wir brauchen, bei uns. Was nicht zu uns gehört, hält der Welle nicht stand. Und alles und jeder, der bei dem, der wir sind Platz hat, findet seinen Weg in unsere kleine große Welt. Wir zeigen all den Schwierigkeiten, mittelschweren Katastrophen der Vergangenheit, all den Sorgen und Ängsten den Mittelfinger. Denn hier uns jetzt finden wir für alles eine Lösung. Immer. Nicht, weil wir in einem perfekten Märchen leben. Aber, weil am Ende immer alles gut wird. Weil wir bei uns sind. Nur noch wir, all die Träume, die Möglichkeiten, ein bisschen Feenstaub – das ganz große Leben. Und selbst wenn wir dann irgendwann mal wieder wieder fallen – who cares at all 🙂

Nichts, was dich aufhält.