Vorneweg: all das erschreckt mich. Zutiefst. Ein Europa ohne Großbritanien ist für mich nicht vorstellbar. Und mal wieder habe ich nicht Politikwissenschaft oder Wirtschaftsökonomie studiert und reiße trotzdem meine Fresse auf. Denn: „Die dummen Briten. Vollidioten. Dafuq.“

Der allseits beliebte erhobene Zeigefinger. Ist das nicht ein bisschen zu einfach? Und lenkt so schön von den eigenen Schandtaten ab. Zugegeben, wer (wie die Mehrheit der User) erst zwei Stunden NACH Schließung der Wahllokale googelt, was der Ausstieg aus der EU für Großbritanien bedeutet, ist eher nicht „the sharpest thing in the box“. Aber wer Wind säht, wundert sich dann über Sturm? Volksabstimmen sind leider kind of dangerous. Auch wenn wir uns alle wünschten, es wäre nicht so. Denn was klingt romantischer, freier, wilder als „the choice is yours“? Da rennt das Demokratenherz bei 38 Grad jauchzend vor Glück nackig durch den Rasensprenger. Leider ist die Realität weit weniger Pommes und Disko. Da wird nicht nach Tragweite geschaut. Da denkt man scheußlicherweise sowas wie: „Geil, Grenzen dicht, Ausländer raus! Besser. Dit machen wa.“ Bis einer heult.

Raus die Maus. Will in Great Britain knapp mehr als die Hälfte. Haarscharf, aber gilt. Und die restliche Menschheit zaubert natürlich im Sekundentakt eine handvoll kopfschüttelnder Expertenkommentare aus dem Hut. „WIE KÖNNEN DIE NUR!“ 

Bisschen zu arrogant unterwegs eventuell? Es geht mir hier nicht um den Austritt ansich. Den sehe ich als untragbaren Rückschritt für uns alle. Es geht um die Art und Weise, wie wir mit dem Finger drauf zeigen. Wir halten das alles schön ne Armlänge von uns weg. Als ginge uns das zwar an, beträfe uns aber nicht. Guckt ma umme Ecke. Nationaler denken, egoistischer sein, den Widerstand wagen, egal wofür, und all die anderen Gründe „pro Brexit“ – ist das wirklich ein rein britisches Phänomen? Brüllen nicht auch vor unserer eigenen Tür Menschen ihre von Unwissenheit und blinder Wut gespickten Parolen in die Menge, fühlen sich ungerecht behandelt und im Recht dazu, „endlich aufzustehen“? AfD zweitstärkste Kraft in Sachsen-Anhalt und so. Eigene Nase. In meinem Land verabreden sich Leute, um Flüchtlingskinder zu beschimpfen und zu jagen. In Amerika will ein Mann mit orangenen Haaren und Meerschweinchentoupet eine Mauer  zu Mexiko bauen. Und das Internet abschaffen. Um das Land wieder „groß“ zu machen. Überall ICH ICH ICH. Und wir denken, Brexit habe nix mit uns zu tun? Okurrr. Die Welt dreht sich. Und leider in eine Richtung, die latentes Bauchweh macht.

Vor gefühlt 100 Jahren lief die Loveparade unter dem Motto „one world, one future“ durch meine Stadt. Damals war es weder meine, noch hab ich kapiert, was das bedeutet. Heute weiß ich, wir sind davon so weit entfernt wie verdammt lange nicht mehr. Vielleicht so weit wie noch nie. 
Für mich war Europa immer vor allem eins: ein Gefühl von Sicherheit und Zusammengehörigkeit. Nichts Selbstverständliches. Hart erkämpft mit Blut, Schweiß und Tränen. Und genau deshalb so wertvoll. In guten wie in schlechten Zeiten. Das Ergebnis dessen soll jetzt also sein, dass jeder wieder sein eigenes Süppchen kocht und ’nen Zaun drumrum zieht? Ja, Britain. Who the fuck is Britain. Es geht um mehr. Auch in den Niederlanden, Polen, Dänemark, Ungarn, wenns scheiße läuft bei den nächsten Wahlen vielleicht sogar in Frankreich, rappelt’s im Karton. „Was die können, können wir schon lange!“ Und ich muss dann vielleicht bald Russisch lernen. 

Soweit das worst case Szenario. Und was gibt’s Gutes? Schottland. Und Irland. Eine Insel, zur Hälfte in Europa? Eine Schande. Oder ein Neuanfang? Vielleicht. Freiheit, die man niemals wollte? Could be. Endlich eins. Manchmal muss man sich bewegen auch, wo man am liebsten stehen geblieben wäre – weil das Gegenüber sich in eine Richtung bewegt, die untragbar wird. Ob man will oder nicht. 

Vor 4 Wochen las ich in Dublin ein Graffiti an einer Zeitungsbude auf der O’Connell Street: „We’d love an All Ireland. All Ireland would hate that.“ Well. Perhaps, maybe, of course. But not today. Today gibt’s nur Fragezeichen. Und Börsenstress. Fragezeichengesicher. Und ein derbe angekratztes Pfund. Aber zu denken, die Wurzeln der Brexit Entscheidung seien eigens eine Sache der „verblödeten Engländer, die nicht geradeaus denken können“, ist vielleicht doch ein bisschen SEHR arrogant. Und vor allem zu leicht. Der Drang nach Veränderung, nach „back to the fucking roots“, nach Abgrenzung in fragwürdige Richtung ist da. Da sind Menschen, die wollen Zäune ziehen statt Brücken bauen. Europa oder nicht: we’re all in this together. Nie waren wir alle mehr little britain als heute. 

Mir ist abscheulich kalt in diesen Tagen. Ich schäme mich. Das, woran ich geglaubt habe, steht auf wackeligen Füßen. Die Freiheit wankt, das Vertrauen in den Verstand der Menschheit liegt zerissen auf dem Boden. Ich habe Angst. Davor, wer wir sind. Wer wir waren. Wer wir im Begriff sind, zu werden. Und immer wieder von vorn. 

 Die braune Suppe kocht. Laut einer Umfrage nach dem Superwahlsonntag nennen mehr als die Hälfte der „alternativen“ Wähler als Grund für ihre Stimme nach rechts außen „die Flüchtlinge“. Halleluja. Natürlich. „Die scheiß Flüchtlinge immer“. Echt jetzt? Nichts gelernt? Das Karussell dreht sich und man kann nicht runter. Kotzübel – und trotzdem noch ne Runde. Geht auf’s Haus. Spucktüte findeste unter’m Sitz.

 Himmel Arsch und Zwirn. 

 Sicher ist es schwer. Oder auch nicht. Für mich – die der Meinung ist, dass Menschen Schutz verdienen vor Tod und Verderben, von einem Land wie unserem. Einem Land, in dem niemand hungern muss. In dem für alle gesorgt ist. In dem in diesen Tagen syrische Flüchtlingskinder in Schulen davon erzählen, wie ihren Geschwistern durch Raketenangriffe Arme und Beine abgerissen wurden, während sie daneben standen.

Klar ist: Nicht jeder, der beunruhigt ist, ist ein Nazi. Nicht jeder, der diesen Schmarrn gewählt hat, ein Menschenhasser. Zweifeln ist okay. Sorgen machen normal. Auch in meiner Familie zeigt man sich besorgt – „Da müssen wir jetzt ja jede Nacht die Garage zumachen, wenn die Flüchtlinge in die Turnhalle ziehen…“ Es ist nicht alles schwarz und weiß. Aber braun sollte es halt bitteschön auch nicht werden. Informieren statt pöbeln ist anscheinend nicht en vogue.

Das Land ist maulig. Geschüttelt vom Gefühl, etwas „weggenommen“ zu bekommen, wo man vielleicht selbst nur wenig hat. Obwohl kein Flüchtling dieser Welt dem HartzIVler Geld klaut – wenn’s zu wenig ist, ist er der Feind. Getreu dem Motto: „Meine Meinung steht fest – verwirr mich nicht mit Tatsachen!“ Weil’s ja auch so schön einfach ist. Da will man nicht mehr verstehen. Da will man hassen. Und dann geht man wählen, denkt sich, denen zeig ich’s – schmeißt dem braunen Monster den Hass in den Rachen und alles wunderst dich, dass es Feuer spuckt? Merkste selber, ne.

 Wir brauchen Transparenz. Wir brauchen Leute, die zuhören. Die erklären, was passiert. Wohin wir wollen. Was der Islam ist. Und was nicht. Wer Schutz braucht und wer nicht. Dass zwei plus drei fünf ergibt – und nicht minus sieben. Solange, bis es jeder Einzelne verstanden hat. 

Das Letzte allerdings – und auch das Letzte, was wir brauchen – ist eine Alternative, die keine ist. Für niemanden, der bis zwei zählen und klar denken kann. „Mut zur Wahrheit“? Schnauze. Ganz egal, was eure Sorgen, Nöte und Probleme sein mögen – diese „Partei“ ist kein bisschen daran interessiert, sie zu lösen. Sie ist weder mutig, noch wahr. Sie will euch Angst davor machen – und dann mit wild gewordenen, steinzeitlichen Forderungen um sich werfen. Euch damit aufgeilen wie in einem drittklassigen Schmuddelfilmchen. Hatten wir doch alles schon! Öl ins Feuer und so. Ein brennendes Streichholz an einer Tankstelle. Keine Inhalte, nur inflationäre Panikmache und aufgestacheltes Dummgeschwätz, garniert mit rotzfrech herablassender Attitüde für unser Leben, unsere Freiheit, unser Zuhause. Da kommen dann so tolle Ideen bei rum wie „Homosexuelle zählen lassen“. „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. „Grundrecht auf Asyl abschaffen“. „Keine Finanzierung Alleinerziehender“. 

Euer Ernst? Samma, hackt’s. Ist das das Land, in dem wir leben wollen?

Glaubt ihr wirklich, die hätten eine Lösung für alles, was uns drückt? Uns nachts nicht schlafen lässt? Gegen alles, was uns das Leben schwer macht? Einen Zaubertrank? Diese Menschen wollen euren Hass. Auf nichts anderem baut das System auf. Außer auf ein paar Tuben Haargel und schmierigen, selbstgefälligen Fressen. Die sind nicht Miraculix aus dem Dorf der Gallier. Die belächeln uns, die belächeln den Fortschritt, das, was aus uns geworden ist. Kackendreißt. Alles, worauf wir stolz sind. Was wir gelernt haben. Freiheit. Offenheit. Fremdenfreundlichkeit. Gleichstellung von Mann und Frau. Alles dahin. Alle Flüchtlinge mit Fackeln aus der Stadt jagen! Und die Menge jubelt. So dermaßen 1933. 

 Wer sind diese Menschen, die sich davon belabern lassen wie kleine Schulhofmädchen vom zwielichtigen Mann mit Bonbons in den Taschen, der ihnen im Dunkeln auflauert und „mal nen echten Hasen“ zeigen will? 

 Ausgerechnet diese vorsintflutlich erdnussbeschwanzten Schmierlappen schaffen es, die jahrzehntelangen Wahlverweigerer aus dem Keller zu locken? Ein Haufen Freiheit und Fortschritt hassender Idioten, die brüllen: „Nu is’ grad kacke, lass ma’ wieder so machen wie damals. Besser.“

Da lukt der beleidigte, von Leben und Regierung geprügelte Deutsche doch mal neugierig durch die Tür und wird euphorisch:

„Es ist ja alles so ungerecht, alles so gemein, aber DIE, die helfen uns. DIE verstehen uns. Mit denen wird alles besser. Alles gut.“ Am Arsch die Räuber. Wenn all diese Menschen wirklich nur auf sowas wie die „Alternative“ gewartet haben – dann ist’s schlimmer als bislang befürchtet. 

Jahrelang verbarrikadieren, stillschweigend vor sich hin murren und dann auf inhaltlose Versprechen reinfallen, ist für euch die Rettung? Herrgott! Wärt ihr mal im Keller geblieben.

„Das ist nicht mein Land.“ Sagt die Kanzlerin. Das ist nicht mein Zuhause. Sage ich. Ich will das so alles nicht.

Ich will ein Deutschland, mit dem ich mich identifizieren kann. Auf das ich stolz sein darf, weil es das tut, was richtig ist – nicht das, was am Leichtesten scheint. Besonnen. Hilfsbereit. Mit Mut zu neuen Entscheidungen. Neugier. Mit dem Recht auf Fehler. Dem Willen nach Verbesserung. Ich will ein Land, dass sich vor dem ins Bett gehen noch im Spiegel anschauen kann, ohne spontanen Würgereiz dritten Grades. 

 Sind wir noch zu retten?

 Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich so eine widerlich kribbelige Unsicherheit in der Magengegend beim Gedanken daran, was mit uns passiert. Wie unsere Zukunft aussehen könnte, wenn wir uns nicht am Riemen reißen. Die Weichen neu stellen. Ziemlich genauso wie unsere Vergangenheit. Mit Menschen erster und zweiter Klasse, mit Propaganda und Aufmärschen. Beschämend. Sind denn alle wahnsinnig geworden?

Alles nich‘ so wild? Leider doch.

Wir sprechen hier nicht von ein paar Vollidioten mit Bannern und Schildern. Zweit- und drittstärkste Kraft. Das ist die fucking Realität. Beschwichtigen is’ nich’ mehr. 

Das hier ist anders. Das hier ist neu. Und doch so fürchterlich alt, dass es beinah peinlich ist! Wäre es nicht so gruselig, müssten wir drüber lachen. Laut. Dreckig. Bis uns der Bauch weh tut. 

Es gibt keine Zaubertränke. Ja, wir stehen vor einem Haufen Probleme. Zweifellos. Aber woanders is’ auch scheiße. Will sagen: die Lösung kann nicht sein, einem Mob blind schreiender Hater hinterher zu rennen, weil „alles andere“ ja nicht funktioniert. 

Lasst euch nichts erzählen. Auf die Äuglein, alle. Wer Probleme lösen will, guckt nach vorne – nicht nach rechts. Hass und blinde Wut sind schlechte Ratgeber. Es muss sich was ändern, ja. Aber die „Alternative“, das sind nicht wir. Das bin nicht ich. Das seid nicht ihr. Das ist nicht mein Zuhause. Daran glaube ich. Und ich glaube daran, dass Wut wertvoll ist. Wut ist wichtig. Wut kann viel bewirken. Aber nicht so. Nicht fauchend und ohne hinzusehen. Nicht ohne nachzudenken. Lasst uns nicht vergessen, wer wir sind. Und wer wir sein mögen. Wie man sich an uns erinnern soll. Ein Zug aus der Hölle hat noch niemanden nach Disneyland gebracht. 

Im Pöbeln bin ich ganz gut. Das haben einige von euch vielleicht schon mitbekommen.
Schimpfen wie ein Rohrspatz hab ich drauf. Und es macht Spaß, manchmal. Es befreit. Wer pöbelt, der spürt, dass er lebt. Es macht Luft. Pöbeln ist ritzen für die Seele. Der Schmerz der Ungerechtigkeit sitzt so tief.

Viel Schrecklichstes ist unserer strahlend schönen, neuen Welt passiert in den letzten Wochen. Beachtliche Lackschäden, Kratzer, knapp vorbei am Totalschaden an der Karosserie der Menschenrechte. Erschreckend viel Hass, ausgehend von einem Volk, das es besser wissen müsste.

Menschen, die hassen. Menschen, die allen Ernstes an den Haaren herbeigezogene Pseudo-Argumente gegen Flüchtlingshilfe raushauen, um ihr rassistisches Gedankengut zu untermauern, wie:
„Nach dem 2. Weltkrieg sind die Deutschen auch nicht geflüchtet, sondern haben sich alles selber wieder aufgebaut.“ Äh. Mal abgesehen davon, dass allein der Vergleich vor Blödheit strotzt: Meine Großeltern kommen aus Schlesien. Und eure? Pommern, Ostpreußen? Und die sind damals auf Trecks unzählige Kilometer gelaufen, mit einem kleinen Bündel Hab und Gut, um dem Tod zu entgehen. „Ja, aber das waren ja Deutsche!“ …Puh. Merkt ihr selber, ne. Obwohl, wahrscheinlich nicht.

Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen. Es macht uns wütend, all das. So viel Ungerechtigkeit, so viel Hass, so viel Unmenschlichkeit. Da kann man schon mal zum Rohrspatz werden! Zurecht. Speak your mind, even if your voice shakes. Räubertochterstyle. Denn alles Gute nützt nichts, solange es gegen den harten Wind des Bösen die Schnauze hält.

In Ungarn werden Flüchtlingsfamilien mit Schlagstöcken aus Zügen geprügelt. Kinder ertrinken vor Urlaubsstränden, an denen wir Europäer uns die Bierbäuche und gemachten Möpse bräunen. Und bei uns reißen Menschen, die keine drei Wörter geradeaus schreiben können, den Namen meiner Stadt für ihre abartige Rassismuswortkotze an sich und nennen das „sich wehren“. Es macht mich wütend. Ich kriege Bauchweh, so wütend macht es mich.

Und doch: bei all dem Leid, der Ungerechtigkeit, der Dummheit, der scheinbaren Unfähigkeit der schönen, neuen Welt, einen Funken Menschlichkeit zu zelebrieren – es ist nicht alles Scheiße. Es bewegt sich was. Rock’n’Roll.

Sie fahren jetzt, die Züge aus Ungarn. Und zwar in eine Richtung, in der hilfesuchende Menschen freundlich begrüßt werden. Von Leuten, die vor Kurzem noch für „keine Moschee am Stachus!“ demonstriert haben. Sie haben Süßigkeiten dabei. Als Willkommensgruß. Für die Kinder.

Bürger, die vor Wochen lieber noch die Klappe hielten „zu dieser Sache mit den Flüchtlingen“, teilen jetzt glasklar formulierte Statements mit hashtags wie #refugeeswelcome oder #mundaufmachen. Weil es die Promis vormachen? Vielleicht. Mir ist ehrlich gesagt schnurz, weshalb sie es tun. WER sie überzeugt. Der jecke Yoko, der coole Klaas, der toughe Till oder der kecke Kalkhofe. Mitläufer, gerne! Solange wir in die richtige Richtung laufen. Aller Rückschläge zum Trotz.

Der widerwärtige Rassist, der vor zwei Tagen noch das Ertrinken von Flüchtlingen auf seiner Facebookseite „Berlin wehrt sich!“ feierte, hat „leider“ jetzt keinen Computer mehr – dank Besuchs vom Staatsschutz. Weil Tausende von uns den hasserfüllten, vor Dummheit strotzenden Beitrag gemeldet haben. Weil wir uns weigerten, eine Welt hinzunehmen, in der sowas existiert. Facebook fand, man müsse nicht einschreiten – „Wir haben die von dir wegen Hassbotschaften oder -symbole gemeldete Seite geprüft und festgestellt, dass sie nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandarts verstößt.“
Aha, lieber noch ein paar Tittenbildchen sperren. Der Zuckerberg macht wohl ne Runde geistiges lowcarb. Zeit für ’nen cheatday, wenne mich frachst. Die Polizei war zum Glück anderer, unserer Meinung.

Egal, wie langsam wir laufen, egal, wie klein die Schritte sind: Wir sind auf dem richtigen Weg. Wir lassens uns nicht mehr gefallen. Die schöne, neue Welt dreht sich. Und vielleicht wird im Kleinen dann doch alles gut. Ab und zu. Hier. Und da.

Ja, da ist sie wieder, meine blauäugige Ader. Ich glaube ans Gute. Denn was für eine Welt wäre es, in der ich das nichr mehr könnte? All dem Griesgram, dem Bösen den Sieg zu schenken, ohne überhaupt gekämpft zu haben – das ist für mich keine Option. Aber das Gute fliegt einem nicht in den Schoß. Dafür muss man aufstehen, es sich holen. Und nicht tatenlos zusehen, wenn was falschläuft. Das haben wir kapiert. Wir wehren uns, unsere Welt so dastehen zu lassen – wir ändern, was uns ankotzt. Kleine Tropfen auf glühend heiße Steine, ja. Natürlich ist es nicht genug.
Aber besser als Fresse halten allemal. Und plötzlich lassen wir die Angst los, eh nichts erreichen zu können. Weil wir merken, wir sind nicht allein. Die mögen viele sein – wir sind mehr.

Und sonst?

Immer noch leidende Menschen. Es gibt sie noch, die Flüchtlingsboote. Den Stacheldraht. Die Schlepperbanden.
Scheiße, ja! Da kommt dem von Horrorszenarien und Splitterbomben konditionierten Pessimistenhirn schon mal der duchaus berechtigte Gedanke: Wofür die ganze Kacke? Nützt doch alles nichts. Man fühlt sich machtlos. Denn es macht uns so ekelhaft deutlich: Wir können die Welt nicht retten. Und die Welt als großes Ganzes, das ist nicht unser Bier. Dafür ist unser Kühlschrank zu klein. Um die Boote, den Stacheldraht, Verbote und Genehmigungen muss die Politik sich kümmern. Aber im Kleinen helfen können wir. Jeder von uns. Indem wir das Maul aufmachen. Und indem wir was TUN.
Und nie aufhören, das Gute zu schaffen. Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe.
Do it like a Pippi: Lasst uns unsere Welt machen, wie sie uns gefällt: Mit dem, was wir zur Verfügung haben. Für die, die uns brauchen. Die gar nichts mehr haben.
Ein kleinbisschen besser als gestern, die schöne neue Welt. Jeden Tag.

Ich habe lange überlegt, ob es klug ist, zu diesem Thema die Fresse aufzureißen.

Wahrscheinlich bin ich dafür nicht genug informiert. Sicherlich bin ich zu aufbrausend. Zu drastisch. Möglicherweise zu, ähm, vulgär. Vielleicht habe ich sogar schlichtweg keine Ahnung. Ich habe nämlich nicht Politikwissenschaften studiert. Und auch nicht die FAZ aboniert. Oder die Süddeutsche. Ich klicke mich nicht nach Feierabend stundenlang durch einschlägige politische Onlineartikel oder gucke den 24 Std. Tagesschau Kanal im PayTV.

Ich lese jeden Morgen auf der Arbeit die Bild. Und wühle mich durch die yellowpress. Ich verdiene mein Geld nicht damit, investigativ zu recherchieren, sachlich fundierte Fragen zu unbequemen Themen zu stellen oder in Kriegsgebieten mit einer Lampe auf dem Kopf und schusssicheren Weste am Körper durch dreckige Höhlen zu kriechen. Ich bin nicht Christiane Amanpour. Mein Job ist es, glücklich zu machen. Und ich liebe es.

Ich glaube daran, dass ein Herzenswort, ein positiver Blick auf die Dinge, ein Lächeln von Ohr zu Ohr auch in düstersten Zeiten viel Licht bringen kann. Eine liebevolle Erinnerung daran, dass sie kleinen Dinge zählen. Ein Sonnenstrahl auf der Nase, Bauchweh vor lachen, ein glitzernder Fernsehturm. Dafür bin ich hier. Und doch muss ich sagen:
MIR REICHT ES JETZT.

Vor ein paar Wochen sah ich bei facebook den Kommentar eines Freundes meines Cousins, 16 Jahre alt, unter einem NPD Posting: „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber allmählich reichts auch mal mit den Flüchtlingen hier.“

Und auf einmal ist er da: der Moment, in dem dir kotzübel wird. Weil du all das, was du immer wie ein Schutzschild vor dir her getragen hast, alle Abwehr, jeder Gutglaube, mit einem Schlag zunichte gemacht wird. Die Realität tritt deiner Naivität in den rosa Hintern. „Diese Rassismusscheiße stirbt zum Glück mit der nächsten Generation aus“, hörte ich mich oft sagen. War ja auch alles so schön weit weg. Ja gut, da irgendwo im Osten pöbeln so ein paar gehirnamputierte Nazis. Aber alles in allem sind wir doch safe. Wir sind schlau. Unsere Schulden sind beglichen. Hitler und so. Wir haben es schmerzhaft gelernt. Wir wissen, wie der Hase läuft. Und jetzt steht dieser Rotzbengel da und verkündet munter seine als Landsliebe und Gerechtigkeitssinn getarnte Hassparole. Ohne mit der Wimper zu zucken. Von Nichts ne Ahnung, zu Allem ne Meinung. Und wenn alle widerlichen, rechtsradikalen, rassistischen Arschlöcher, alle unwissenden Dämlinge ihre grenzdebile, in Dummheit und Ignoranz getauchte Meinung in die Welt rausschreien können, dann kann ich das auch. Trotz der Abstinenz von Politikstudium, FAZ und Co. Ich glaub, Frau Amanpour fänd’ das okay.

„Wer fliehen musste, verdient ein wenig Frieden. Punkt.“, kommuniziert die Ideenschmiede Eier und Herz bei Facebook. „Aber bitte nicht bei uns!“, brüllen die selbsternannten „Landsleute“. Ah, Frieden wird also jetzt geografisch aufgeteilt: bei uns leider momentan out of stock.

Was zur Hölle ist eigentlich unser Problem?

Während ich das hier schreibe, sitze ich mitten in Berlin. Im Halbschatten. Vor einem Riesenglas Latte Macchiato. Vor mir ein MacBook. Und ich denke: Na toll, braucht ganz schön lange zum Hochfahren. Kackteil. Könntste dir auch mal n Neues gönnen. Und 2 Min später: Fuck, gleich burne ich mir wieder den Hintern am Ledersitz meines Autos weg beim Einsteigen. Scheißhartes Leben im Palast Dekadenzia. Und JA, ich hänge dran. An meinem Latte Macchiato, meiner Wohnung, meiner Badewanne, meinem Auto, meinem Luxusleben. Denn es IST Luxus, das alles.

Wir ersticken an ihm, ohne ihn auch nur wahrzunehmen. Wir wollen immer mehr, immer höher, immer geiler, immer schneller. Und egal, wie viel wir kriegen: alles, was wir sehen, ist der Mangel. Aus Unzufriedenheit wird Hass gegenüber denen, die ja nun wirklich GAR NICHTS mehr haben. Wer das kapiert, erklärts mir bitte.

Gleichzeitig fühlt der Deutsche sich ja per se ungerecht behandelt. Alles immer kacke. Der Staat hier, die Regierung da. Verarscht fühlen ist das neue 20.

„Die Ausländer nehmen uns die Jobs weg.“

„Ich geh schuften, meine Familie hat kaum was zu fressen und der Türke hat ne Rolex und ein iPhone 6.“ Blablabla etc.

Liebe Pöbelfritzen: Sicher, Rabauken gibt’s überall. Arschlöcher eh. Schlupflöcher in Systemen, Schmarotzer und Abzocker auch, klar. Aber so was zu generalisieren, aufgrund der paar schwarzen Schafe gleich eine Hassparole abzuspulen – kapiert ihr, was ihr da redet? Was aus euch geworden ist? Der Nachkriegsgeneration, die es doch verdammte Scheiße noch mal besser wissen müsste?

Da sind Menschen, mitten in der Nacht, 700 Stück, auf einem kleinen, kaum seetüchtigen HOLZBOOT. Mitten auf dem Mittelmeer. Unter ihnen hunderte Meter Wasser, sonst nichts. NICHTS. Genau soviel, wie sie noch haben. Familien in zerbombten Straßen, verfolgt und vom Tode bedroht. Frauen mit weinenden Babys auf dem Arm – kleine Kinder, die vielleicht gestern noch in Bangladesch eure 3 Euro PRIMARK Shirts in giftige Farbe getaucht haben. Denkt ihr ernsthaft, die Ärmsten der Armen dieser Erde sitzen in ihren Baracken und tüfteln hinterfotzige Pläne aus, wie sie euch euren 58 Zoll Smart TV zecken können? Oder euren angerosteten Opel, eure Bude oder euren ach so verdammt heiligen Job? Himmelherrgott, was stimmt denn nicht mit euch? Diese Menschen haben alles verloren, die machen keine lustige Hafenrundfahrt aus Bock schön eng aneinandergedrängelt, weil’s dann umso mehr fetzt.

Wer „die Tribute von Panem“ kennt, der hat gelernt: Das einzige, was noch stärker ist als Angst, ist Hoffnung. Und diese Menschen haben nur noch eine: Uns. Wir sitzen hier in unserem Reichtum, die Hintern fett gefressen und pöbeln, wie schlecht es uns geht. Wohnung zu klein, Fernseher eh. Auto zu alt, Frau zu dick, Schwanz zu kurz. Diese Menschen wollen nichts von uns! Und selbst WENN, täte es uns wirklich so unglaublich weh?

Weder ich noch meine Eltern haben hautnah einen Krieg erlebt. Dafür bin ich sehr dankbar. Und doch macht es uns blind. Es macht uns arrogant. Wir wissen nicht, wie es ist, zwischen Bombenhagel und zerfetzten Menschen durch die Straßen zu laufen, um unser Leben zu rennen, alles zurücklassen zu müssen. Die Familienfotos, die Kinderschuhe, den Ehering, den Partner. Oder die Eltern. Wir haben noch nie ALLES verloren. Und da wir ja so wahnsinnig an Glotze, Glamour und Grundstück hängen, wissen wir: Freiwillig lässt niemand sein Zuhause zurück, mit nichts in den Händen außer einem Bündel Lumpen und einem Baby auf dem Arm. Alles, was diese Menschen noch haben, ist der Gedanke an eine bessere Welt: an unsere. An die, die uns nie gut genug ist.

Ich hatte noch niemals das Blut eines geliebten Menschen an den Händen. Ich hatte noch niemals so große Angst, dass ich den möglichen Tod als Konsequenz in Kauf nahm, um mich an einen Ort zu retten, an dem NICHTS auf mich wartet. NIEMAND meine Sprache spricht. An dem ich monatelang in einer Notbehausung leben muss, nur um von widerlichen Rassisten Steine an den Kopf geworfen zu bekommen, deren Großväter und Urgroßväter „Führer befiel, wir folgen dir“ gebrüllt haben. Wer ernsthaft gegen Flüchtlinge hetzt, wer verlangt, sie abzulehnen, ist Abschaum und Schande für das „Vaterland“, das er angeblich so tatkräftig schützen will. Schämen solltet ihr euch. Alle.

Und nu? Ausgepöbelt. Eine Antwort weiß ich leider auch nicht. Eigentlich die perfekte Form der Propaganda: Hetzen, nur aufzählen, was scheiße ist, Leute anstacheln – und gehen. Ohne Lösung. Vielleicht ist der erste Schritt, dass wir nachdenken. Eine Meinung haben. Und die sagen. Schreien. Laut. Denn das dürfen wir nicht nur, das ist unsere fucking Pflicht. Ich will nicht in einer Welt leben, in der notleidende Menschen arrogant abgewiesen werden, weil sich einer Sorgen ums „Vaterland“ macht. (Wenn ich das Wort noch ein mal schreiben muss, kotze ich.) Ich möchte meinen Wohlstand bewusst wahrnehmen, dankbar dafür sein und Mitgefühl zeigen, so gut ich kann. Jaja, uns fehlt so vieles. Monatsticket ist auch wieder teurer geworden, der Sommer ist zu heiß und halbe Stunde parken in der City kostet 8 Euro. Ick wees. Aber verglichen mit den Menschen, die unsere Hilfe brauchen, haben wir ALLES. Und die NICHTS. Was das bitterböse Auge-um-Auge-Argument „Wenn WIR das bei DENEN im Land machen würden…“ angeht:
Nun – könnte, hätte, Fahrradkette. Wir wissen nicht, was dann WÄRE.
Vielleicht würden sie uns gar nicht reinlassen. Vielleicht würden sie uns auch mit Steinen beschmeißen. Vielleicht ist aber irrelevant. Wir sind am Zug. Wir haben die Chance, es gut zu machen. Besser. Besser als gestern.
Ist ein guter Anfang, oder?

Nachtrag vom 13/8/15:

Wem meine BILD Zeitung, yellowpress und ich zu „ungebildet“ sind – für den reicht Journalist, Moderator und ehemaliger Leiter des ZDF heute-Journals Claus Kleber vielleicht aus… DER hat’s verstanden. Genau DARUM geht es auch mir: http://youtu.be/Z1zvfLk065I

Gleich vorweg: ich habe Flugangst. Und ordentlich. Nicht nur so mini.
Eingesperrt in einer Blechbox 12 Kilometer über dem Boden ist nicht so meins.

Aber es geht um mehr. Generell immer, heute im Besonderen.

Ein Vogel ist vom Himmel gefallen. Ein strahlender, mächtiger, schwarz-rot-gold-schillernder Vogel.

Und wir bluten. Wir haben Angst.

Keine Flugangst! Schön wär’s. Was uns heute dieses unbehagliche Flattern unter’m Herzen macht, ist nicht der Gedanke daran, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommen zu können. Es ist nicht die Tatsache, dass da irgendwo, irgendwie, irgendwas passiert ist. Dass da „wer gestorben ist“. Passiert doch ständig. Schlimm, klar. Aber mal biste der Baum, mal biste der Hund. Dreimal schütteln, weiter geht’s. Soja Latte bestellen.

Es ist die erschreckende Anfassbarkeit des Heute, die uns die Kehle zuschnürt. Es ist so nah, so gefährlich nah dran. Auf einmal ist es nämlich dummerweise nicht mehr Ismahil-Thungeng-Spasakowicz-Airs Turboprop Maschine aus 1962 – und es ist nicht am Arsch der Heide passiert, nicht verursacht durch Blitz und Donner, nicht durch einen Schurken mit TNT in der Unterwäsche – Es war hier. Es waren wir. Das und nichts sonst macht diese abartige, kalte Gänsehaut.
Und auf einmal gehen uns die Ausreden aus. Seelentröstende Selbstverarsche is’ out of stock. Dann müssen wir es sehen, wie es ist – Flugzeuge stürzen ab. Auch ein Deutsches. Auch auf Kurzstrecke. Auch ohne Unwetter. Ohne Terror.

Und drin sitzen Menschen. Und an einem Tag wie heute sterben sie. Jeder mit Gesicht, Leben, Liebe und einer Geschichte im Gepäck. Ein Vater, eine Cousine, ein bester Freund, eine Ehefrau. Ein Nachbar, ein Kollege. Einer von uns. Natürlich ist ein ausländisches Todesopfer nicht weniger tragisch als ein deutsches. Nur weiter weg. So dumm es auch sein mag.

Und wir kapieren:
Nicht mit Usbekistan-Air zu fliegen, reicht nicht. Es passiert hier. Es passiert uns. Auf einmal tut die Welt so weh.

Fliegen ist sicher. Natürlich. Auf der Straße sterben ist wahrscheinlicher. Natürlich. Wenn du dran bist, bist du dran. Natürlich. Aber auch darum geht es nicht. Von den 150 Menschen, die heute von Barcelona nach Düsseldorf fliegen wollten, hatten bestimmt ein paar Angst. Und vielleicht hat ihnen jemand Geliebtes die Hand gehalten und versucht, sie zu beruhigen: „Es ist wahrscheinlicher, dass du im Lotto gewinnst und gleichzeitig vom Blitz getroffen wirst, als dass du bei einem Flugzeugunglück stirbst.“ Ende der Geschichte: Keine Lottofee, kein Blitz. Nur die Überreste eines gefallenen Vogels über den französischen Alpen.

C’est la fucking vie.

Und die doofe Schlampe Rationalität hat ein Argument weniger.

Sicher ist also nichts. Und jetzt?

Jetzt haben wir wie immer die Wahl. Nicht mehr fliegen? Wäre die wohl einleuchtendste Variante. Sich der Angst zu beugen, rettet im Zweifel vielleicht das Leben. Und dann? Was kommt dann? Nicht mehr essen, damit man sich nicht verschluckt? Nicht mehr rennen, damit man nicht fällt? Schwierige Entscheidung.

Zu verstehen, dass Sicherheit eine Illusion ist, macht’s leichter. Und der Wille und das Streben einer jeden kleinen Menschenseele nach Freiheit. Rationalität kann Angst nicht in die Flucht schlagen – und soll sie auch gar nicht. Angst ist gut, ihre Unbesiegbarkeit hält uns am Leben. Sie zu verjagen, wäre dumm. Aber wir können ihr liebevoll über den Kopf streicheln, bis sie sich einrollt und zum Schlafen ins Handgepäck kuschelt.

Und heute? Heute sind wir einfach nur traurig. Und dazu haben wir jedes Recht. Uns wurde eine Illusion geklaut. „Ach, uns passiert das schon nich‘!“ ist Vergangenheit. Jetzt stehen wir da, fast nackt, frierend, angeschlagen. Und dürfen traurig sein! Trauer zulassen und Freiheit aufgeben sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Und das Tröstende ist –

Wenn nichts sicher ist, ist alles möglich.

Riecht ihr das? Der Sommer dreht seine Abschiedsrunde.

Die Geliebte liegt in bittersüßer Melancholie in diesen Tagen –
Die Luft gezuckert mit lauwarmem Herbstwind, der mal vorsichtig, mal eindringlich durch die Häuserschluchten zieht. Die Sonnenstrahlen küssen die Nasenspitzen noch immer, aber es liegt zarte Schwermut darin. Wie ein Rückzug auf Raten schleicht sich der goldene Sommer davon, um wie unbemerkt hinter den Toren zu verschwinden. Wir ignorieren es noch, wollen es nicht wahrhaben. Wissen tut man’s schnell, das Aussprechen ist das Problem.
Die Großstadt seufzt gemächlich, als immer früher die Sonne untergeht.
Das geliebte Berlin macht sich bereit.
Es riecht nach Abschied. Schon bald wird nichts mehr geblieben sein vom Strahlegrün, das unsere schockgefrostete Stadt jedes Jahr aufs Neue in letzter Sekunde rettet, der Wärme, die sie wachküsst wie Schneewittchen und uns auf Bordsteinen tanzen und Sternschnuppen gucken und am Ende der endlosen Nacht barfuß nach Haus gehen lässt, eingehüllt in flirrende Luft, getragen von bebender Magie. Es IST Magie.
Wenn Sommer ist, ist hier alles egal.
Alles ist ein bisschen besser, selbst das Schlimmste leichter zu ertragen.
Und aus gut wird perfekt.
Vielleicht sträubt sich Berlin deshalb so sehr gegen Eishagel, Rollsplitt und dunkle Tage, weil griesgrämiges Grau ihm einfach nicht steht.
Berlin ist alle Farben.
Und bald ist es wieder grau-weiß-ihbah.
Manch einem wird deshalb das Herz schwer in diesen allerletzten sonnig warmen Tagen, die unignorierbar das Salz der Vergänglichkeit in die Wunde des Träumers streuen, der von einer Sommerhauptstadt träumt, die niemals endet. Schrill und bunt und in Musik und Lampignons getaucht. 24/7, round-about-the-clock. Full time job.

Aber mal unter uns: wie langweilig wäre das?
Berlinliebe, das heißt, in guten wie in schlechten Zeiten, Sommerzeit, Winterzeit. Wie in einer guten Ehe: Halt auch mal Herbstlaub und Streusalz wegfegen, Eis kratzen und Schnee schaufeln. Und auch Sex machen, wenn Waschtag ist – und außer der Snoopy Unterhose nix mehr sauber war.
Die Geliebte will vergöttert werden, für die Scheiße wie für die Königlichkeiten. Zugegeben: es gibt keine Stadt in diesem Land, in der Winter weniger Spaß macht.
Aber wenn Berlin dann so dasteht, schäbig grinsend, in Bademantel und Lockenwicklern, an einem Tag, der an Hässlichkeit und Kälte, Dunkelheit und Dreck nicht zu überbieten ist und mir trotzdem einmal mehr das Herz schwer wird vor Liebe, dann weiß ich, wo ich Zuhause bin.
Da, wo immer Sommer ist.
Barfuß über den Bordstein tanzen geht nämlich auch im Schnee.
Aber obacht: Rollsplit!

Vorneweg: Herzlich Willkommen zu sicherem Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit.

Es gibt sie ja, die Frauen, die dieser Tage in hotpants und Trikot durch die Welt rennen und die ihre unfassbar abgegrenzte Individualität noch hipstermaniamäßig aufrüschen, indem sie natürlich NICHT für Deutschland sind. Zu uncool. Lieber für Equador. Oder England. (Wobei ich hörte, dieses Thema habe sich mittlerweile von selbst erledigt.)

Die Welt ist im Bällchenfieber. Und das zurecht. Ich kann ruhigen Gewissens behaupten, ich wäre wohl in einer Vorlesung für angewandte Kernphysik besser aufgehoben als bei einem Fußballspiel. Ich hätte auch mehr Ahnung davon. Und doch heule ich schon bei der Nationalhymne. Den Rest der Zeit versuche ich herauszufinden, ob wir die Roten oder die Weißen sind.

Bei der WM geht es nicht um Fußball. Nicht für uns. Nicht für mich. Es ist diese nackte Euphorie, der Gedanke daran, dass wir doch am Ende alle eins sind, der unpolierte Wunsch und Wille, stolz sein zu dürfen auf sein Land. Endlich wieder stolz sein! Kannste ja zu keiner anderen Zeit, ohne gleich danach verschämt auf den Boden gucken zu müssen wegen „du-weißt-schon-wem“.

All das zelebrieren wir mit einer kindlichen Glückseligkeit, die alles andere in den Schatten stellt. Und genau hier endet die grenzenlose Loyalität zum bunten Bällchen für mich. Denn so sehr ich euphorische Autokorsorunden um die Siegessäule, siegestrunkene Arschgrapschereien von attraktivitätstechnisch eher weit über ihren Zenit geratenen Ü40 Männern und Bierpfützen im Ausschnitt auch schätze – irgendwann is’ auch mal gut. Da wird die Mama böse. Denn König Fußball drängelt sich unverschämt vor wie Omma Kasupke an der Aldikasse – und keener sagt was. Ist halt WM. Fanmeile und so. (Wobei ich wirklich nicht nachvollziehen kann, weshalb man die schiefgekloppte Zahnreihe von Mehmet Scholl auch noch auf Riesen-LED sehen muss.)

Der Fuppes reißt mit einer gänzlich untypischen rotzfrechen Arroganz die Aufmerksamkeit an sich, der ich in Berlin niemals eine Überlebenschance von mehr als 0,3 Sekunden eingeräumt hätte. Überall anders, ja. Aber hier? So eine unangenehm heroische „Anfang Oktober in München“-Attitüde? Im Sinne von:

WAS? Kein Dirndl? RAUS!!!

Sei’s drum. Es ist WM. Take it or leave!

Who needs fashion week? Die kann doch nach Wedding. Und der Christopher Street Day, ja gut – dann ist das Finale eben dieses Jahr halt nicht am Brandenburger Tor. Der verlorene Sohn kehrt heim, endlich, nach vier Jahren langen Wartens. Da müssen die, die jedes Jahr brav antreten, halt mal im Gästezimmer schlafen. Erschreckend durchschaubar und angepasst.

Vielleicht ist es das Einwandererherz, das aus mir spricht – aber es gibt kaum eine schönere Zeit im Sommer für mich, als zur fashion week. Sie macht mich stolz, wie sie so dasteht, ihr Herz nahe an unserem – und allein deshalb gehört das verdammte Zelt ans Tor mit der Kutsche drauf! Punkt. Aus. Vielleicht ist sie nicht so populär wie die WM, sicher ist sie nicht so kommerziell. Aber seit wann sind denn das bitteschön Aspekte, die hier die Fäden ziehen? Der Berliner ist ja für vieles berüchtigt, aber Entscheidungen treffen aufgrund von rationalen Fakten gehört wohl kaum dazu. Fashion Week im Wedding? Da weißte als Mädchen auch nicht, ob du zuerst lachen oder kotzen möchtest.

Meine Stadt ist deshalb ein Nabel der Welt, weil es die eine Wahrheit hier nicht gibt. Kein richtig oder falsch. Hier tust du, was du willst – wo du willst. Weil dein Herz danach schreit. Du machst es zu deinem Ding. Deine Liebe, dein Berlin. Und das Beste daran ist, dass deine Hauptstadt niemals Ausnahmen macht. Es ist eine Art stillschweigende Vereinbarung, ein unsichtbares Versprechen, einmal quer über die Seele tätowiert. Und daran halten wir fest. Immer. Berlin macht keine Ausnahmen. Du willst frei sein? Sei es. Tu was du willst, wo du es willst.

Außer zur WM. Da laufen die Models dann nicht im Schatten des Fernsehturms, sondern des Gesundbrunnen Centers. Und die Hauptbühne des CSD steht vor der CDU statt am Pariser Platz. Denn es gibt so ein paar Dinge, an denen kommste auch in der freisten Stadt der Welt nicht vorbei: Fußball ist eins davon.

Haben wir unsere Seele verkauft? Vielleicht.
Sie entschuldigen mich – ich muss mein Trikot bügeln gehen.

Mit plastischem Schmerz ist das so eine Sache.
Wenn wir uns als Kind das Knie aufgeschlugen, gabs ein bisschen Jod drauf.
Das brannte wie die Hölle, kurz und schmerzvoll anstatt kurz und schmerzlos. 

Ein, zwei dicke Krokodilstränen später ein Pflaster drauf, einen Keks und ein Glas Saft. Und alles war gut. Aber jetzt?
Was tun wir, wenn uns ein Schmerz in die Knie zwingt?

Unsere Schrammen heilen damals wie heute unschuldig vor sich hin, geschützt vor allem Lärm und Gift der Realität, unter den Pflastern, die wir draufkleben.
Und am Ende wissen wir gar nicht recht, was jetzt schlimmer war: die Verletzung ansich, oder das Abziehen des Pflasters, das über der längst vernarbten, geheilten Wunde mittlerweile nur noch nutzlos an ein oder zwei fast unsichtbaren Härchen klebt.
Und die ziepen jetzt. Ordentlich. Und so behütet das verheilte Wir auch luftdicht verpackt vor sich hin geträumt hat – jetzt kommt wieder Luft dran. Und Sonne.

Was also hat sich verändert?

Die Wunden sind tiefer, machmal, in der Erwachsenenwelt.
Und sie sind zwielichtiger. Selten mehr rinnt ein Tropfen Blut über den Ellbogen. Keiner schlägt sich mehr die Lippe auf. Aber krümmen vor Schmerz tun wir uns doch. Der Geister wegen, die man niemals sieht.
Tun die unsichtbaren Wunden am Ende mehr weh, als die dramatisch ausschauenden?
Oder läuft es nach dem Prinzip „haste was, biste was“? Wer lang hat, lässt lang hängen? Glauben wir nur an das, was wir sehen?

Egal, welche am Ende die leidvollere Verletzung ist – wir bemerken im Wesentlichen doch vor allem zwei Momente in der Geschichte: den, in dem die Verletzung passiert –
und den, in dem sie wieder verschwunden ist.
Egal, ob wir sie kommen sehen oder sie unerwartet über uns hereinbricht, der Tatzeitpunkt überflutet uns eiskalt und spült uns an irgendein Ufer. Er versetzt uns in eine Schockstarre, die uns beschützt. Wir atmen. Wir leben. Wir spüren den Fall, sehen das Blut -wir fühlen: nichts.
Dann kommt das Jod – und wir schreien. Weil es uns dran erinnert, dass da nichts mehr ist, was uns zusammenhält. Dass wir verletzt sind.
Verbeult, zerkratzt, gebrochen, kaputt.
Wo wir grade noch Haut und Haar spürten, klafft jetzt die griesgrämige Wunde. Und sie brennt unter dem säubernden Jod. Wir beißen die Zähne zusammen, wie wir es gelernt haben, weil wir wissen, dass es wieder heilt. Und dass es vorher weh tun muss.
Dann kommen Pflaster, Keks und Saft. Und dann geht das Leben weiter, irgendwie.
Hier und da piekt es unter dem Pflaster. Nachts beim Umdrehen im Bett werden wir davon wach, schlagen die Augen auf, verwundert-erschrocken, legen eine Hand an die schmerzende Stelle – und schlafen wieder ein.
Ab und zu stoßen wir uns an einer Tischkante, dann blutet die Wunde ein paar dunkelrote Pünktchen ins Pflaster. Wir fluchen. Weil es so weh tut? Oder weil es uns dran erinnert, dass wir noch immer nicht verheilt sind.
Egal, wie groß Pflaster und Keks waren, zaubern kann keins von beiden.
Die wundersame Heilung braucht ihre Zeit.
Und wer die Kruste zu früh abknibbelt, provoziert den Rückfall. Frisches Blut aus alter Narbe trocknet schlechter und heilt langsamer als der erste Schnitt. Das wissen wir noch von früher. Aber manchmal ist es wie eine Sucht. Wir wissen, es wird bluten. Erneut. Wir wissen, es wird weh tun. Erneut. Und doch können wir unsere Finger nicht im Zaum halten. Wir verbrennen sie uns an alten Narben. Weil wir gar nicht wollen, dass sie heilen? Weil frisches Blut uns zeigt, dass wir noch leben? Weil wir diesen Schmerz schon kennen, den schauderhaft-schönen Erinnerungsschmerz. Weil man immer tun muss, was man nicht lassen kann.

Und so sitzen wir dann auf dem Badezimmerboden, mit dem frisch aufgeschlagenen Knie und fühlen uns, als wären wir eben erst in den Dreck gefallen. Dann wird uns klar, es ist ein Leben her. Unser Leben. Und das Tröstlichste daran ist, dass jede Wunde heilt. Ganz von selbst. Egal, wie viel Salz wir reinheulen. Und wenn es so weit ist, reißen wir das Plaster ab – und sind um eine verheilte Narbe reicher. Und sind es nicht die, die die besten Geschichten erzählen? Vielleicht. Zumindest, bis wir uns entschließen, den nächsten Fall zu riskieren. Denn wie langweilig wäre das Leben ohne Kekse! Und das Wichtigste: auch andere Wege haben schöne Steine!
Also: Hit me, baby – one more time.

Wenn wir klein sind, haben wir von nichts eine Ahnung. Und doch von allem. Wir malen das Bild, wie es uns gefällt: blaue Sonne, sieben Finger an einer Hand, Schnee im Sommer. Wir fragen, was wir wissen wollen, schamlos und rotzfrech, werden erfahrener und, das Wichtigste von allem: wir träumen. Ohne Grenzen.
Und dann, auf einmal, werden wir älter. Man zwängt uns in Korsetts und Mieder, erklärt uns, wie die Welt funktioniert. Was man macht. Und was man nicht macht. Was geht. Und was nicht geht. Da kriegen die ungezügelten Träumereien von damals dann meist gehörig einen vor den Latz geknallt. Die Flügelchen gestutzt, überlebt meist nicht viel vom Sternenstaub aus der Kuschelhöhle.
Aber manchmal, durch all die tosenden Tränen, den fauchenden, inneren Widerstand, der uns zur Ordnung peitscht, die Prügel und die Zähneknirscherei hindurch, schaffen wir es doch, einen Traum mitzunehmen ins Erwachsenenland. Er hat vielleicht ein paar Dellen, sieht zerknautscht aus, vielleicht fehlt ihm eine Ecke oder eine Farbe – aber er ist am leben. Und je nachdem, wieviel Herz über Kopf in uns steckt, rocken wir das kleine Teil. Wir pimpen es, kämpfen Schlachten, stehen irgendwann am Ziel: wir fangen die Sternschnuppe, die den Traum zur Realität macht. Oder besser, wir SIND die Sternschnuppe, auf der der Traum ins Ziel reitet. Die Goldmarie, der Hoffnungsträger der Träumenden.
Schweres Los, so ein Schatz zu sein. Denn da, wo Gold nicht glänzt, brennt es wie Feuer. Keiner trägt einen Traum so weit, ohne das Gift der Vernunft, der Verzweiflung, der Niederlage in den Venen zu tragen. Die kennen wir alle schon. Und wie gut! Und am Ende des Regenbogens warten statt des Goldtopfes dann die Helden, die keine sind.
Die Schafe im Wolfspelz, die Hunde, die bellen, aber nicht beißen. Die, die dir die Kraft aus dem Traum saugen, weil sie glauben, es sei auch ihrer. Die, die dich da gewöhnlich machen, wo sie dich einst einzigartig nannten. Die, die dich beschützen sollten und dich jetzt auf Messers Schneide über glühende Kohlen in die Wüste schicken.
Und da stehst du, verraten und verkauft, in Händen den zerschlissenen Traum, blutend und grau grämt er sich unter deinem Blick und hält ihm kaum mehr stand. Aber jede Träne, die du weinst, spült die farblose Angst des Versagens aus ihm raus. Jeder deiner Atemzüge lässt ihn weiterleben. Du stehst auf, steckst das Träumerle in die Tasche, wischt dir den Schlamm von den Knien und hältst die Nase wieder in den Wind. Klatschnass geregnet tapst du vorwärts, jeder Schritt in vergiftetes Blut getränkt, dass dir endlich aus den Adern fließt. So düster hattest du dir das nicht vorgestellt. Vorbei an den gefallenen Helden und Königen, hin in eine neue Welt, in der die Sonne scheint. Und nie warst du so geprügelt und gleichzeitig so frei.
Weil jeder Tritt dich nur stärker macht. Und am Ende ist das Einzige, was weh tut, das drüber Hinauswachsen. Denn so oft ist niederknien vor falschen Helden so viel leichter als zu verstehen, dass du zu niemandem höher hinauf kannst, als zu dir selbst. Dass du dein Nonplusultra bist.
Großwerden tut weh. Mehr als hinfallen, Ellenbogen aufschlagen, Sprunggelenk brechen. Und am meisten schmerzt es, bis du verstehst, dass dein Traum nicht gefallen muss. Er braucht nicht gut zu riechen, Rouge aufzulegen oder Doppelmanschette zu tragen. Und er braucht keinen Helden, so sehr er danach schreien mag. Er braucht dich. Pfeif sein Liedchen, halt ihn warm und trag ihn nach Hause. Wo immer das ist: wenn ihr da seid, wird er’s dir sagen.

(So müde von der Stadt, die nie schläft/ willkommen Zuhaus‘.)
Casper – Hinterland

Cool sein, oder so. „In“ sein. Oder so. King sein – sowieso.

In einer Stadt, die niemals schläft, schreien dir die unsichtbaren Geister in so mancher stiller Stunde schon mal hinterher.
Du hast so fucking viele Möglichkeiten. Nutze sie gefälligst!

Du hast so viel zu nehmen – was bietest du?

Dich, in der unzensiert-überindividuellen Version? Mit Zunge raus und Mittelfinger in die Welt hinaus? Oder dich, unsweetened? Mit ’nem kleinen Lächeln, aber bitte nicht zuviel Zahn und erst recht nicht zuviel Bein?
Dich, zurechtgeschnürt und hübsch verpackt mit Schleifchen? Oder in der „Mundwerk ist der geilste Vorbau“-Variante, in Rollkragen und mit eingravierter Dauerzornfalte zwischen den Augen? Wer immer du bist – für irgendwas hast du dich entschieden.

Und dann steht sie da, die große, furchtlose Stadt, genau, wie du sie lieben gelernt hast – bebend, pumpt Dreck und Liebe und Leben durch ihre Venen – und durch deine, wie einen freudigen Schuss ungiftiges, blütenweißes Heroin, du kriegst Gänsehaut – und sie findet dich entzückend.

Und dann atmest du ein, ganz langsam, und aus, noch langsamer, und ihre kalte Luft zischt durch dich hindurch.

Kurz fragst du dich, gehörst du hierher? Als der, der du bist – und die Antwort ist glasklar. Aber wie konntest du je zweifeln?

Morgens, kurz nach dem Aufwachen, wenn alles noch irgendwie still steht, wenn noch keine Hyaluronsäure die kleinen Fältchen unter deinen Augen versteckt, kein Concealer sich über die Geheimnisse und Schattenseiten gelegt hat, ist Zahltag. Dann nützt es alles nix – die Hose muss runter. Vor niemand geringerem, als uns selbst. Und hinter all dem glitzernden Kram, der unser Leben einhüllt, und sei es auch nur die schillernde Einfachheit unserer kleinen Welt, auf die wir so stolz sind – ganz ohne IKEA und alles in Edelstahl, oder Flomarktinterieur mit Antiquitätsgarantie – dahinter sind wir wir. Trotz Stempel.

Und während wir uns den Sandmännchensand aus den verschlafenen Augen reiben, fragen wir uns – wollten wir das? Ja. Vielleicht ein bisschen freier, vielleicht ein bisschen lauter, vielleicht ein bisschen geiler. Aber scheiße, JA.

Und wie können wir uns dessen so derart schnodderig-dreckig sicher sein? Weil niemand uns sagt, wie’s läuft. Wir haben nur das kleine große Feuer. Vielleicht war’s mal ein Inferno, das uns hierher trug, in die große Stadt. Oder es war mal klein und wurde groß. Kann ja auch sein, dass es mal ein Waldbrand war, der jetzt nur noch ein kleiner, lodernder Aschehaufen ist. So wie beim Grillen in Mamas Garten, 3 Stunden, nach dem alle längst satt sind und die Kohle dann ironischerweise perfekter denn je.

Dem Funken laufen wir hinterher, weil uns gar nichts anderes übrig bleibt.

Und da ist sie, die absolute Garantie. Das Amen in der Kirche, die Quadratur des Kreises.

Solange das Feuer brennt, sind wir noch da. Nicht als irgendwer – als der, der wir wirklich sind. Zwischen all den kleinen und großen Schubladen, die uns das Leben aufhält. Kein Papagei an der Kette, der nur noch vorgekauten Unsinn nachplappert. Kein Pfau, der bunt sein Rad schlägt und auf der Stirn den Satz „guck mal, wie toll ich bin“ tätowiert hat.

Zugegeben: Dem Feuer hinterzuflitzen, macht’s jetzt nicht unbedingt einfacher. Wer sich auf die Flamme verlässt, steht manchmal ganz schön im Dunkeln. Und so manch einer glaubt, er hätte gut dran getan, eine Hallogen-Taschenlampe mit auf die Nachtwanderung zu nehmen – oder den A5 mit Xenonlicht.

Aber irgendwann wird’s wieder hell – und wer den Mut hat, sich so lange ins Gras zu legen und seinem Herzschlag zu vertrauen, statt sich mit iOS7 orten und von einem Hubschraubersonderkommando abholen zu lassen, der wird immer ein Rock’n’Roller sein.

Nicht, weil er ’ne schwarze Lederjacke mit Zunge-Rausstreck-Motiv trägt.

Nicht, weil er ’nen fetten Anker auf den Oberarm tätowiert hat.

Sondern, weil er für alle Welt scheinbar blindlings losläuft, das Glück zu finden. Das große Königreich.
Und es interessiert ihn ’nen Scheiß, was die Meute redet.

Einer, der das kleine wilde Herz des Piraten und der Rebellin in sich trägt.

Nicht, weil irgendwer von ihm will, dass er Rock ist, oder Roll will. Sondern, weil’s brennt.

Und weil langweilig ja nun wirklich jeder kann.